Clemens Theis
* 07.05.1923 + 04.12.2012.

Spuren jüdischen Lebens in Immendorf und Arenberg
 
Inhalt:


SIE LEBTEN IN UNSERER MITTE
Autor: Clemens Theis, Rhens, 1996
Vorwort
Was treibt einen dazu, am eigenen Wohnort nach den Spuren einer Synagogengemeinde zu forschen?
Etwa die schmerzhafte Erkenntnis, dass über anderthalb Jahrtausende hin die christlich-kirchliche Judenfeindschaft den Holocaust zumindest mitverursacht hat?
Oder das Nachdenken darüber, dass unser traditionsreicher Antijudaismus selbst den Schandtaten der bereits "entchristlichten" Nazis den Boden bereitete, so dass ein Friedensnobelpreisträger Elie Weisel sagen kann: "Alle Opfer waren Juden, alle Mörder waren Christen."
Unmittelbarer Antrieb zur Spurensuche war jedenfalls die Trauer darüber, dass in keiner der örtlichen Chroniken und Jubiläums-Festschriften seit 1945 bisher auch nur ein Wort über die ehemalige Existenz einer jüdischen Gemeinde, geschweige denn über das Schicksal unserer früheren Mitbürger verloren worden ist.
Wie wollen wir es verantworten, nach über fünfzig Jahren das Unbegreifliche unseren Nachkommen noch immer vorzuenthalten?
Der Streit zwischen den "Geschwistern", zwischen Juden und Christen also, geht zurück bis auf die Anfänge des Christentums. Bereits gegen Ende des ersten Jahrhunderts beginnt eine wechselseitige Abstoßung. Auf der Synode von Elvira/Spanien im Jahre 311 wird eine Heirat zwischen Christen und Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten. Zu "Gottesfeinden" werden die Juden 381 auf dem Konzil zu Konstantinopel per Dogma erklärt.
Bis ins 11. Jahrhundert lebten Juden in deutschen Landen weitgehend in guten Verhältnissen. Als aber 1036 zum ersten Kreuzzug aufgerufen wurde, begannen Christen nicht nur den "Feind Gottes" im Orient, sondern auch den näheren "Gottesfeind" zu bekämpfen. Schon im Mai 1096 waren alle Juden im Rheinland umgebracht worden.
Auch Luthers Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" (1543), die er drei Jahre vor seinem Tod verfasste, zeigt noch einmal den mittelalterlichen Hass auf das Judentum. Die Frage, wieweit solche Verurteilungen schließlich ebenfalls mit zu "Auschwitz" führten, stimmt uns heute in ökumenischer Eintracht zu ernsthafter Gewissenserforschung.
Erst ab etwa 1965 begann in beiden großen Kirchen eine Aufarbeitung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden. Schamhaftes Verschweigen, Verdrängen oder gar Leugnen werden uns nicht be-freien. Die Mitschuld muss eingestanden, eine von der Auschwitz-Erfahrung widerlegte Theologie revidiert werden.
Auf örtlicher Ebene aber ist es nun endlich an der Zeit, die Erinnerung an Namen und Lebenswege der Opfer wachzuhalten, dem Vergessen entgegenzuwirken, Menschlichkeit wieder herzustellen. Nur so wird es uns gelingen, jenes Konzept der sogenannten "Endlösung" zu durchbrechen, deren Ziel es bekanntlich war, alles Jüdische, seine Geschichte und seine Kultur, in brutaler Menschenverachtung radikal auszumerzen.
Arenberg/Immendorf, Weihnachten 1996 Clemens Theis


Die kurtrierische Judenordnung
 
17.01.1681 Erzbischof Johann Hugo von ORSBECK, Kurfürst von Trier (1676-1711), erlässt eine Judenordnung.
10.05.1723 Weil die Judenordnung seines Vorgängers Johann Hugo nur "litterlich" (liederlich) eingehalten worden sei, erlässt Kurfürst Franz Ludwig von PFALZ-NEUBURG
(1716-1729) eine Neufassung der bisherigen Judenordnung.
Seiten 1 und 5 der kurtrierischen Judenordnung von 1723
Vollständiger Originaldruck im Besitz eines Immendorfer Bürgers.
Darin heißt es, dass die Zahl der im Bereich des Kurfürstentums Trier an jüdische Familien ausgefertigten "Glayd-" oder Schutzbriefe (heute würden wir das Aufenthaltsgenehmigung nennen) die Anzahl 165 künftig nicht mehr überschreiten darf. Darin einbegriffen sollen jedoch nicht die jüdischen "Doctoren, Rabbiner und Pedellen" sein. Die Erlaubnis zur Erteilung der Schutzbriefe durch untergeordnete Instanzen ist zu beantragen.
Älteste Spur
Die älteste Spur jüdischen Lebens in Immendorf war im Taufbuch von Arenberg (1747-1846) auf Seite 41 zu finden.
Es vermeldet für den 18.04.1773:
"Aus der jüdischen Familie Moises HERSCHBACH von Immendorf sind heute zum katholischen Glauben übergetreten und wurden getauft:
1. Raphael Herschbach (16). Sein Name ist künftig Clemens Wenzeslaus WEIS. Die Patenschaft übernahm der hochwürdigste Herr Erzbischof und Kurfürst von Trier, Clemens Wenzeslaus.
2. Der 14jährige Bruder des Vorgenannten: Isaak HERSCHBACH. Sein Name ist künftig Friedrich Josef WEIS. Seine Patenschaft übernahm der hochwohlgeborene und ehrenwerte Herr Friedrich Josef La Roche." (* 1757, Sohn der Sophie und des kurtrierischen Kanzlers Georg Michael Frank La Roche)
Das heißt, dass auch vor diesem Datum bereits Juden in Immendorf gelebt haben müssen.
Auf noch ältere Spuren verweisen allenfalls die Geburtsdaten jüdischer Mitbürger, soweit sie bei späteren Erhebungen (ab 1806 seitens der nassauischen oder ab 1815 der preußischen Bürgermeisterei Ehrenbreitstein) aktenkundig registriert wurden.
Die ersten bisher nachweisbaren Schutzbriefe für Juden, die sich im Bereich der Herrschaft Mühlenbach - nämlich in Immendorf - niedergelassen haben oder dies beabsichtigen, sind 1784 und 1796 durch Freiherrn von Wrede ausgestellt.
 
Freiherr von Wrede
Wieso stellte ein Freiherr von Wrede solche Schutzbriefe aus?
Wer war dieser Mann?
Dazu muß ganz grob ein kurzer Rückblick in die ursprünglichen Besitz- und Rechtsverhältnisse hier am Ort erfolgen, sonst bleiben auch spätere Entwicklungen unverständlich.
Der fränkische Königshof "Overanberg" mit den Dörfern Immendorf, Arenberg und einigen Mühlen gehörte bekanntlich seit 868 dem Marien-Kloster in Herford. Das Meieramt übertrug die Äbtissin 1226 den Herrn von Helfenstein. Die verstanden es sehr bald, ihre Verwalterfunktion in ein Lehensverhältnis umzuwandeln, obwohl das im Vertrag ausdrücklich ausgeschlossen war.
1579 verstirbt der letzte der Helfensteiner, Ritter Johann XIV., Herr auf Mühlenbach (Schloß um 1300 erbaut), und zwar kinderlos. Um die ständigen Reibereien mit den Erben und mit dem Trierer Kurfürsten loszuwerden, verkauft die Herforder Äbtissin 1692 ihre Besitzrechte an Erzbischof Johann Hugo von Orsbeck.
Wilhelma, Tochter dieses Ritters Johann aus dessen 1. Ehe, heiratet als Erbin einen Otto von Rolshausen. Der umgibt das geerbte Besitztum, die Herrschaft Mühlenbach, im Jahr 1589 mit demonstrativen Grenzsteinen, die man heute noch hier im Wald finden kann: Sie tragen die Buchstaben "ORM 1589" = Otto von Rolshausen, Herr auf Mühlenbach.
Als Otto 1604 stirbt, dauern die Erbstreitigkeiten mit den Kindern aus zweiter Ehe 24 Jahre lang an. Erst 1626 kommt ein Vergleich zustande, bei dem die Hälfte des Mühlenbacher Lehensgutes an Ottos Tochter Wilhelma Dorothea fällt. Sie ist nämlich Erbin ihrer verstorbenen Brüder Friedrich und Adolf und bereits seit 1612 verheiratet mit einem Steffen von Wrede.
Etwa 100 Jahre später (1715) kauft die Witwe Jost Bernhards von Wrede nun auch die andere Hälfte des trierischen Lehens, so dass von diesem Zeitpunkt ab die ganze Herrschaft Mühlenbach in der Hand der Familie von Wrede vereinigt ist. Familie von Wrede gehört zum westfälischen Uradel aus Amecke bei Sundern/Sauerland im Kreis Arnsberg.
1803 ging die kurtrierische Lehenshoheit nach der französischen Revolution an Nassau-Weilburg über;
1808 wurde die Herrschaft Mühlenbach dem nassauischen Bürgermeisteramt Ehrenbreitstein angegliedert. Nach dem Übergang an Preußen (1815) erlangten die Freiherren von Wrede
1825 die Umwandlung des Lehens in ihr unbeschränktes Eigentum. Eine einmalige Abfindung von 5000 Talern machte eine solche "Allodifikation" damals möglich.
Das ganze Besitztum wurde bald danach zerstückelt, teils den bisher leibeigenen Bauern ("Bauernbefreiung"), teils den umliegenden Gemeinden Immendorf(I), Urbar(U) und Niederberg(Ko) verkauft. Der sogenannte "IUKO-Wald" wird heute insgesamt treuhänderisch verwaltet durch das Forstamt der Stadt Koblenz.
Der verbliebene Privatbesitz der Helfenstein-Erben, Mühlenbacher Hof, Elisenhof und Waldflächen, ist heute in der Hand der Familie Pönsgen, einer Industriellenfamilie aus dem Raum Düsseldorf.
 
Der nassauische Judenschutz
29.11.1806 Herzog August von NASSAU erlässt eine Neuregelung zur Aufnahme von Schutzjuden bzw. zur Erneuerung des bereits erteilten Schutzes "für die in der neu erworbenen Herrschaft Mühlenbach ansässigen Juden". Um die nach seiner Feststellung "bereits stark angewachsene Zahl jüdischer Familien - die meisten darunter von sehr geringem Vermögen - für die Zukunft zu begrenzen, zumindest aber nicht noch mehr unvermögende Juden ins Land zu ziehen," erachtet er "zu verordnen für nötig":
Ein Jude oder eine Jüdin, "die in Unseren Landesherrlichen Schutz aufgenommen zu werden wünscht," hat ein "Quantum inferendum" (einen Besitzstand) von mindestens 500 Gulden (Frauen 300 Gulden) nachzuweisen, wenn der Zuzug von innerhalb des Herzogtums Nassau nach hier stattfindet. Ausländische Juden, die sich hier niederlassen wollen, haben ein Besitztum von mindestens 1.500 Gulden (Frauen 1000 Gulden) glaubhaft zu machen. Außerdem haben ausländische Antragsteller vor Aushändigung des Schutzbriefs eine Stempelgebühr von 75 Gulden zu entrichten, die sich bei Inländern auf die Hälfte verringert.
Erklärung dazu:
1 Rheinischer Gulden, auch "Florin" genannt, hatte den Wert von 2/3 Rechnungstalern;
1 Taler = 24 Groschen = 288 Pfennige.
Das Besitzquantum konnte in barem Geld, Kapitalien, Vieh oder Waren usw. bestehen, Kleidung und Hausrat jedoch wurden nicht eingerechnet. Sollten sich die eidesstattlich erklärten Angaben später als lügenhaft erweisen, so war der Betreffende ohne jede Gnade als des erschlichenen Schutzes verlustig zu erklären und aus dem Lande zu weisen. Im Regelfall wurde der Schutz für die Dauer von 12 Jahren gewährt. Darin einbegriffen war neben der Ehefrau nur der erstgeborene Sohn bzw. die erstgeborene Tochter, somit übertrug sich der Schutz automatisch auf die je nachfolgende Generation.
15.03.1807 Das nassauische Bürgermeisteramt Ehrenbreitstein registriert in Immendorf fünf jüdische Familien, die mit einem Schutzbrief ausgestattet sind:
1. Heli BAER, *24.04.1750 in Ruppertshofen, geschützt seit 06.07.1784,
mit Frau Beile ABRAHAM, *02.08.1748 in Nassau.
2. Alexander MAYER, *02.07.1757 in Winweiler, geschützt seit 26.0l.1796
mit Frau Blüm MOSES, *14. 11. 1766 in Immendorf.
3. Sueßkind HERZ, *12.10.1762 in Immendorf, geschützt seit 03.08.1796
mit Frau Edel HAYUM, *22.09.1763 in Segendorf.
4. Moses MICHEL, *02.08.1763 in Immendorf, geschützt seit 26.0l.1796
mit Frau Lia ABRAHAM, *04.05.1782 in Puderbach.
5. eine Familie AFRON, die ohne Vorname aufgezählt ist und in der Mitteilung von 1835 nicht mehr erwähnt wird.
 
Unter königlich-preußischer Kontrolle
05.01.1815 Dem Moyses HESGE, *02.03.1776 in Meudt und seiner Frau Sprinz SÜESKIND, *04.04.1793 in Immendorf, die Tochter des Sueßkind HERZ, wird Schutz gewährt. Am 11.06.1823 stirbt Moses HESKE und seine Frau heiratet in Rheinbrohl. Sohn und Tochter leben weiter in Immendorf.
30.08.1817 Mit diesem Datum erfolgt in den Akten der Bürgermeisterei Ehrenbreitstein eine ausführliche Personenbestandsaufnahme aller 6 jüdischen Familien von Immendorf - mit Geburtsdaten, auch der Kinder, Gewerbe, Schutzaufnahme usw.
(Stadtarchiv Koblenz, 655.10 Nr. 24, S. 200)
20.11.1817 Dem Sueskind LIESMANN, *18.05.1798 in Maxein, wohnhaft in Horchheim, und seiner Frau Hewe HELY, *15.01.1789 in Immendorf, Trauung am 06.09.1816, verwitwete MARX, früher wohnhaft in Metternich, Tochter des Hely BAER, wird Schutz für Immendorf erteilt.
26.06.1823 Jetzt erfolgt eine erneute Bestandsaufnahme der israelitischen Einwohner und Synagogen in der Bürgermeisterei Ehrenbreitstein, jedoch nur zahlenmäßig:
In Ehrenbreitstein 69, in Horchheim 14 Juden;
In Immendorf 31 Juden, davon
5 verheiratete Männer (incl. Witwer)
6 verheiratete Frauen (incl. Witwen)
20 unverheiratete Personen
"...haben ihre Synagoge in Immendorf" unter dem Vorsteher Hely BAER, der von der örtlichen Judenschaft gewählt ist.
10.12.1823 Der "königliche Oberbürgermeister von Ehrenbreitstein" berichtet dem kgl. Landrat BURRET zu Koblenz, dass es in Ehrenbreitstein zwar eine jüdische, aber keine öffentliche Schulstube gebe, und ein geprüfter Lehrer dort nicht existiere. Einen solchen gebe es auch nicht in Immendorf. An den besagten Orten gebe es vielmehr lediglich zwei jüdische Privatlehrer. "Gemäß beigefügter Anlage" führt er aus, dass in Immendorf zu diesem Zeitpunkt 32 jüdische Einwohner leben, davon 8 im Alter zwischen 6 und 13 Jahren, wovon 5 die Schule ihrer Ortsgemeinde besuchen. (Die "Anlage" fehlt in der Akte)
03.08.1824 In Immendorf werden jetzt 32 Juden: 18 männlich, 14 weiblich, gezählt. Darunter befinden sich 5 Ehepaare, die eigene Häuser besitzen:
5 Familien sind "vergleitet", d.h. mit Schutzbrief versehen.
2 Familien leben vom Handel, 3 Männer sind Fleischer.
29.12.1824 In Immendorf erteilt ein jüdischer Privatlehrer namens Salomon SCHWARZ den
israelitischen Kindern Unterricht; wieweit dieser jedoch die nötigen Fähigkeiten dazu besitzt, wird erst noch von dessen Prüfung abhängen.Der privatjüdische Lehrer Elias DREYFUSS erteilt in Ehrenbreitstein schon seit 10 Jahren mehreren Knaben Unterricht in hebräischer Sprache, Religionslehre und in den übrigen Elementarlehrgegenständen. Wie der kath. Pfarrer von Ehrenbreitstein als Schulinspektor ausführt, beträgt der sich, und es scheint, dass die Kinder auch Fortschritte machen. Nur der Israelit KIRCHBERGER schicke seine Kinder ins Gymnasium nach Koblenz. Bemerkt wird in diesem Schreiben, dass die meisten Mädchen der Israeliten gar keine Schule besuchen.
21.03.1825 Die Regierung stellt fest, dass der Immendorfer Privatlehrer SCHWARZ keineswegs die erforderliche Qualifikation zum Unterrichten besitzt, und bittet um Veranlassung, dass ihm die Unterrichtserteilung untersagt wird und die schulpflichtigen jüdischen Kinder zum Besuch der örtlichen Elementarschule angewiesen werden.
02.07.1825 Landrat BURRET schreibt an den Oberbürgermeister Justizrat WEBER in Ehrenbreitstein in dieser Angelegenheit (inhaltlich zusammengefaßt):
Aus einer Übersicht des königlichen Ministeriums für geistliche Angelegenheiten ergibt sich folgendes Bild:
- An den 60 jüdischen Schulen des Regierungsbezirks Koblenz sind nur 2 Lehrer von
den Landesbehörden und 16 Lehrer nur von einem Rabbiner geprüft worden.
- Von 1139 Kindern im schulpflichtigen Alter besuchen derzeit nur 854 die Schule.
Das königliche Ministerium ordnet daher an,
- allenthalben die vorgeschriebenen Prüfungen vorzunehmen,
- den untauglichen Lehrern das Schulhalten zu verbieten
- und alle Winkelschulen zu schließen.
- Weiter sollen schulpflichtige Kinder, die nicht bei einem "conzessionierten"
Privatlehrer oder in öffentlichen jüdischen oder christlichen Schulen Unterricht
genießen, nötigenfalls durch geeignete Zwangsmittel dazu angehalten werden.
Aus den Jahren
1826, 1830, 1834 liegen Schutzerteilungen für die Familiennamen HELY, MICHEL und BAER vor.
13.09.1833 Die israelitischen Einwohner von Immendorf treffen eine Übereinkunft zwecks Einrichtung einer SYNAGOGE im Haus des Heli BAER. Diese ist unterzeichnet von ihm selbst, von Oster MICHEL, Moses MICHEL (mit Handzeichen), Abraham HELI, Sueskind LIESMANN, Sueskind HERZ und Heyum HERZ. Die Urkunde beglaubigte Bürgermeister von EYSS. - Abbildung Seite 10/11.
Geschehen zu Immendorf am 13. September 1833
Die hiesigen israelitischen Einwohner haben heute folgende Übereinkunft geschlossen:
1.
Der Heli Baer räumt die an seinem eigenthümlichen Wohnhause dahier gelegene, ihm zugehörige Synagoge zum Gebrauch der ganzen israelitischen Gemeinde ein.
2.
Es verpflichten sich zur Bestreitung der nothwendigen Reparaturen in der Synagoge, (und) zur Besoldung des Vorsängers
die Nachgenannten Beiträge zu leisten als
a. Heli Baer
b. Sueskind Liesmann
c. Abraham Heli
d. Oster Michel
e. Heium Herz
Ein Drittel des von jedem der Vorgenannten zu leistenden Beitrags fällt auf den Herz Sueskind und ebensoviel auf
den Michel Moses.
3.
Zu Besoldung des Lehrers sind nur diejenigen verpflichtet, welche Kinder zu unterrichten haben. Wird ein besonderer
Vorsänger angestellt, so sind alle mit Ausnahme des Herz Sueskind und des Michel Moses zu dessen Besoldung und Beköstigung verpflichtet.
4.
Über die jährlichen Einnahmen und Ausgaben muß Rechnung gestellt und dieselbe dem Oberbürgermeisteramte
zum Abschluß vorgelegt werden. Nach deutlicher Vorlesung ist gegenwärtige Verhandlung von den Anwesenden genehmigt und unterschrieben worden.
a. u. s.
(hebräisch) - soll Heli Baer heißen
Oster Michel Hand + zeichen des im Schreiben unkundigen Michel Moses Abraham Heli Sueskind Liesmann
Hertz Sißkint (hebräisch) ( soll Heyum Herz heißen )
Zur Beglaubigung:
Von Eyß,
Bürgermeisterey
 
Abschiebung zugewanderter Juden
15.01.1835 Die jüdischen Familien werden erneut registriert, "da seit der letzten Zählung von 1831 fremde Juden unberechtigt eingeschlichen sind", mit dem Ergebnis, dass jetzt in Immendorf 10 Familien - mit 13 Mädchen und 8 Knaben - leben.
11.07.1835 Der Ortsvorsteher von Immendorf, GRENZHÄUSER, meldet der Bürgermeisterei Ehrenbreitstein die Anwesenheit von zwei jüdischen Mägden. Die eine wohne bei Abraham HELI, die andere bei Heimann BAER. Letzterer gebe vor, die bei ihm dienende Magd sei eine nahe Verwandte bzw. eine Freundin.
Am gleichen Tag noch weist Oberbürgermeister von EYSS den Ortsvorsteher GRENZHÄUSER an, die beiden des Ortes zu verweisen.
Im selben Jahr ergeht in dieser Angelegenheit eine Erinnerung der Regierung an die Bürgermeisterämter:
Laut Amtsblatt vom 25.08.1830 soll "nach höherer Bestimmung" auch der einstweilige Aufenthalt fremder (ausländischer = außerhalb des Fürstentums Nassau) Juden als Dienstboten in "diesseitigen Landen (= rechts des Rheins), wodurch das allmähliche Einschleichen derselben gefördert wird, nicht gestattet werden. Jede Nachsicht hierunter wird nach den Umständen gebührend geahndet."
16.08.1835 Ortsvorsteher GRENZHÄUSER aus Immendorf vermeldet:
"Ich muss Ihnen zu wissen tun, dass Judengesinde, nämlich Ausländer jüdischer Religion, wörlich (= wirklich) noch in Immendorf ist, nämlich der Knecht bei Oster MICHEL, die Magd bei Abraham HELI und die Magd bei Heimann BAER."
Bürgermeister von EYSS vermerkt dazu am
17.08.1835 "Die Gendarmerie zur Aufgreifung dieser Individuen angewiesen."
13.10.1835 Landrat von BOOS drängt gegenüber der Bürgermeisterei auf Vollzug der Ausweisung auch der ausländischen Handelsdiener (Vertreter).
23.11.1835 Ortsvorsteher GRENZHÄUSER berichtet als "Schöffe", der ausländische Judenlehrer Salomon ROSENTHAL befinde sich jetzt noch in Immendorf, der Knecht Maier KAHN
Ansicht des Hauses Giefer; im Hinterhaus befand sich die jüdische Synagoge
(des Oster MICHEL) dagegen sei jetzt endlich fort. Das war jedoch ein Irrtum, wie eine Notiz vom 05.12.1835 belegt.
Am gleichen Tag erbittet Bürgermeister von EYSS beim Landrat die Aufenthaltsgenehmigung für den jüdischen Hauslehrer Salomon ROSENTHAL aus Warschau, der sowohl die Stelle eines Vorsängers in der Immendorfer Synagoge versehe als auch den Kindern von Abraham HELI und Süßkind LIESMANN Unterweisung in jüdischer Religion erteile.
05.12.1835 Bürgermeister von EYSS fertigt eine Notiz an: "Der Dienstknecht Maier KAHN aus Gaundebach bei Unkel (gemeint ist wohl Gaudernbach bei Runkel, jetzt Ortsteil von Beselich) wurde heute in Immendorf betroffen und von der Gendarmerie-Patruille in das Arresthaus zu Koblenz eingeliefert." Von EYSS bittet den Polizeiinspektor darum, "denselben mittelst Zwangstransport seiner heimatlichen Behörde zusenden zu lassen".
15.12.1835 Auf Anweisung des Landrats beauftragt Bürgermeister von EYSS den Immendorfer Schöffen GRENZHÄUSER, den Lehrer Salomon ROSENTHAL für den 21.12.1835 morgens 9.00 Uhr zur Bürgermeisterei vorzuladen, um dessen Wanderbuch zu visitieren und so die Rechtmäßigkeit seiner Tätigkeit zu überprüfen.
31.12.1835 Bürgermeister von EYSS verwendet sich erneut beim Landrat für den Verbleib des Lehrers und Vorsängers Salomon ROSENTHAL, wenigstens bis Ostern 1836, damit die jüdische Gemeinde inzwischen einen "inländischen" Lehrer annehmen könne. Das bewirkt jedoch nichts, denn am
04.02.1836 verfügt Landrat von BOOS auf Anweisung der königlichen Regierung die sofortige Ausweisung des Salomon ROSENTHAL "binnen 6 Tagen, zumal dieser zur Wahrnehmung des Lehramtes nicht befugt ist."
Leitung der Synagogengemeinde
07.01.1837 Landrat Graf von BOOS-WALDECK bestätigt Abraham HELI's Wahl zum Synagogenvorsteher, Oster MICHEL als Stellvertreter.
31.01.1837 Dem Moses MARX, *14.09.1810 in Metternich, Sohn aus 1. Ehe der Hewe HELI (jetzt LIESMANN), *15.01.1789, wird die Schutzaufnahme nach Immendorf verweigert, als er die Betty MICHEL, *25.08.1817 zu Herschbach, heiraten will.
Sein Vater war Schutzjude in Metternich, und sein Sohn durfte, obwohl er bereits fast 20 Jahre in Immendorf lebte, als "Ausländer" in Immendorf keinen Schutz erhalten.
02.05.1837 Bürgermeister von EYSS hält fest:
In Immendorf gibt es 7 schulpflichtige jüdische Kinder, deren Eltern aber nicht bereit sind, dem israelitischen Privatlehrer Abraham MEIER aus Soest zu Immendorf eine ständige Besoldung auf mehrere Jahre zu bewilligen, und daher dessen Conzessionierung nicht wünschen, sondern ihre Kinder wie bisher am Unterricht in der christlichen Schule teilnehmen lassen.
11.05.1837 Nachdem dem Lehrer Abraham MEIER die Konzession verweigert wurde, "da die geringe Zahl der schulpflichtigen Kinder solches nicht zuläßt", verließ er Immendorf, wo er sich nur wenige Monate aufgehalten hatte, ohne in Immendorf das gesetzliche Domicilrecht erworben zu haben.
11.04.1838 Immendorf hat jetzt 438 Bürger, darunter 41 Juden.
Aus diesem Jahr findet sich das Heiratsgesuch des Moses MICHEL, *08.10.1812, und seine Bitte um Schutzaufnahme mit seiner zukünftigen Ehefrau Jette ISAAC aus Höchstenbach, *13.03.1818. Beide Gesuche werden vom Immendorfer Gemeindeschöffen WOELBERT, von der Bürgermeisterei und vom Landrat abgelehnt mit dem Hinweis auf die gesetzlich geregelte Einschränkung des jüdischen Bevölkerungsanteils für die rechte Rheinseite. Außerdem stehe sein älterer Bruder Oster MICHEL bereits unter Schutz. Erst auf hartnäckiges Drängen hin wird ihm schließlich der Schutz und die Eheerlaubnis für Ehrenbreitstein-Neudorf erteilt.
05.12.1839 Erste Schutzerteilung für Arenberg an Bernhard BAER, *11.02.1811 in Immendorf, Sohn der verstorbenen Eheleute Baer und Mindel HEYUM. Am 19.01.1841 erhält er auf seinen späteren Antrag hin auch die Erlaubnis zur Trauung mit Gella KALLMANN aus Altenkirchen.
24.08.1840 Der Fleischergeselle Abraham JOSEPH aus Braubach erhält die Erlaubnis, als Geselle bei dem Fleischer Oster MICHEL zu arbeiten, der sein Geschäft in der "Brunnengasse" unterhielt, heute Quellenweg.
13.02.1842 Die Königliche Regierung Abteilung Inneres - gez.Heuberger - schreibt an den Synagogenvorsteher Abraham HELY in Immendorf. Der jüdische Lehrer Hirsch Wolf SCHLESINGER hatte sich zwar einer Prüfung in biblischer Geschichte durch Schulinspektor GESCHWIND gestellt, weigerte sich aber, sich auch in den eigentlichen Elementargegenständen prüfen zu lassen, weil er darin keinen Unterricht erteilen wolle.
"Lt. Verordnung des kgl. Oberpräsidiums vom 13.09.1824, § 8 darf die Concession aber nur in a l l e n zum Lehrstande erforderten Kenntnissen gewährt werden. Die Polizeibehörde wird darüber wachen, dass er jüdischen Kindern in Immendorf keinen Religionsunterricht erteilt."
24.08.1843 Die Königliche Regierung - gez.Heuberger - erteilte dann aber doch dem jüdischen Lehrer Wolf SCHLESINGER die Konzession, den jüdischen Kindern in Immendorf Privatunterricht in jüdischer Religion zu erteilen, jedoch mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, dass dadurch "der sonstige Schulunterricht in der Pfarrschule Immendorf für die jüdischen Kinder nicht gestört werden dürfe."

Streit um Formen des Gottesdienstes
30.10.1842 In der Synagogengemeinde scheint es zu Zwistigkeiten über den Grad der Assimilation an die nichtjüdische Umgebung gekommen zu sein. Synagogenvorsteher Abraham HELI zeigt bei der Bürgermeisterei die öffentliche Störung des jüdischen Gottesdienstes durch Moses MICHEL und Bernhard BAER an. Es folgt die Gegenanzeige des 2. Vorstehers Oster MICHEL gegen Vorsteher HELI "wegen kränkender Amtsführung."
04.04.1843 Schutzerteilung für Alexander MAYER, *08.01.1805 in Immendorf, als dem 1. Sohn (nach zwei Schwestern, Eva und Sara) des Vaters Alexander MAYER und Erlaubnis zur Trauung mit Johannetta STERN aus Westerburg.
17.05.1844 Die Zwistigkeiten scheinen sich fortgesetzt zu haben. Der in Immendorf tätige jüdische Religionslehrer Jacob Tobias SCHATZ aus Bialystok soll nach polemischen Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde gesteinigt und abends um 1/2 10 Uhr bei Arenberg von Christen sterbend aufgefunden worden sein.
Der Koblenzer Journalist Christian von Stramberg (1785-1868) erzählt in seinem
RHEINISCHEN ANTIQUARIUS (II. Abteilung, Band 2, 1851)
den damals aufsehenerregenden Vorgang:
"...Seitwärts von der 13. Station (des Arenberger Kreuzwegs,1851 in unmittelbarer Nähe der noch unvollendeten Erlösungskapelle; Red.) zeigt man die Stelle, wo der jüdische Schulmeister von Immendorf seine reformatorischen Bestrebungen mit dem Tode büßte.
Jacob Tobias Schatz, 43 Jahre alt, aus Bialystok in dem fernen Podlachien und seit kurzem erst nach Immendorf berufen, zog sich durch seine Polemik gegen das, was er als überflüssiges Zeremoniell betrachtete, den Haß seiner orthodoxen Glaubensgenossen zu. Sie bestritten häufig seine Ansichten. Dass er jedoch unerschütterlich darin verharre, bezeigte er durch Wort und Tat. Am Freitag, 17. Mai 1844, abends führte er wiederum in der Schule eine sehr heftige Kontroverse. In der Dialektik ihm nicht ebenbürtig, aber höchst verletzt durch seine unglimpflichen, unvorsichtigen Äußerungen, mißhandelten ihn die Zuhörer auf die roheste Weise.
Er verließ die Schule, kehrte auch des wiederholten Zuspruchs ungeachtet nicht dahin zurück, sondern erklärte vielmehr seine Absicht, die Gemeinde und den Ort zu verlassen. Einem Freund gegenüber, der ihm den Rath gab, die Nacht nicht im Hause zu verbringen, äußerte er noch weiter, dass er nach Arenberg gehen und im Gasthause zum Rothen Hahnen schlafen wolle.
In der Nacht um halb zehn Uhr hörte ein Gast, der aus dem am oberen Ende des Dorfes gelegenen Wirthshaus Klee kam, Stöhnen und Wehklagen. Ohne Säumen ging er zurück zur Wirthsstube, die verdächtigen Laute anzumelden. Der Wirth meinte, er könne getäuscht worden sein durch das vom Winde mit einem Fensterladen getriebene Spiel, durch das Gekrächze der Angeln. Der andere aber bestand festiglich darauf, dass er eines Menschen Klage gehört habe. Letztlich setzte sich die ganze im Hause noch versammelte Gesellschaft in Bewegung, um bei dem Scheine einer Laterne den Thatbestand aufzuklären.
Alle hörten das Stöhnen und gingen ihm nach den Weg gen Immendorf hinab. Dort begegnete ihnen ein dasiger Jude, der - angehalten und befragt - erzählte, er komme von Ehrenbreitstein und wolle über Arenberg nach Immendorf; das Stöhnen vernehmend sei er aber in dem Schrecken umgekehrt. Weiterhin am Wege fand man den jüdischen Schullehrer aus Immendorf sterbend am Boden liegen und um ihn herum ein Haufen kopfsgroßer Steine. Einer der Hinzugekommenen richtete des Sterbenden Haupt auf, und darüber hauchte er den letzten Seufzer aus. Gesprochen hat er nicht. Nach der Erklärung von Sachverständigen starb er an zwei absolut lethalen Wunden am Hinterkopf und an der Schläfe..."
"In alttestamentarischer Weise wurde er gesteinigt." - meint Christian von Stramberg obwohl dies gerichtlich später nicht endgültig nachzuweisen war. Mit dieser Ungewißheit beendet er denn auch seine Erzählung:
"Die schauerliche That, die wegzudisputieren die Cremieux, die Herren Montefiori und Cremieux, weder vermochten noch unternahmen, * gab Veranlassung zu einer langwierigen Untersuchung, in deren Verlauf ein subalterner Mörder - ein Knecht - zu längerer Gefängnißstrafe verurtheilt worden ist. Die eigentlichen Thäter zu überführen, fehlte es an Beweis."
* Diese hämische Randbemerkung lässt schließen, dass auch Christian von Stramberg nicht ganz frei von Vorurteilen ist. Die Familie Crémieux war eine angesehene jüdische Familie in Frankreich, die ihren Namen auf das gleichnamige Städtchen in der Dauphiné zurückführte. Adolf Crémieux (1796 Nîmes - 1880 Paris) galt als ausgezeichneter Redner und Rechtsanwalt in Paris, gehörte den gemäßigten Linksparteien an und wurde 1848 - und1870 nochmals - zum französischen Ministerpräsidenten gewählt. Montefiori und Crémieux traten in vielen Ländern mit weitreichenden Erfolgen unermüdlich gegen verleumderische Ritualmord-Beschuldigungen ihrer Glaubensgenossen und für deren bürgerliche Gleichberechtigung ein.
Frau Hildburg-Helene Thill der wir vorstehende Hinweise verdanken, betont, dass die alttestamentarische Steinigung auch nach den jüdischen Glaubensvorschriften im 19. Jahrhundert längst nicht mehr erlaubt war.
Auch die COBLENZER ZEITUNG berichtete damals am 20. und 25. Mai 1844 über das merkwürdige Ereignis. - Dechant Jacob Wagner griff 1933 den Vorfall in der Ehrenbreitsteiner Dekanatszeitschrift ST. HERIBERTS-BLÄTTCHEN (Nr.2/1933) noch einmal auf.
Die Ermittlungen zu der Tat blieben nicht ohne Folgewirkungen für einen der Betroffenen, denn:
09.01.1846 Sueskind LIESMANN, *05.03.1820 in Immendorf, Sohn des Sueskind LIESMANN aus
2. Ehe, die am 06.09.1816 geschlossen wurde, beantragt über die Bürgermeisterei den Schutz für Arenberg. Wie Bürgermeister Von EYSS dazu am 18.01.1846 notiert, sind "fast alle Arenberger" dagegen mit der Begründung:
"Bezüglich des ermordeten Judenlehrers wurde Liesmann gerichtlich vernommen, jedoch nicht zur Untersuchung gezogen; sodann ist die Beschädigung der Ehefrau Stahlhofen - den eingezogenen Erkundungen zufolge - durch ihn, aber ohne absichtliches Verschulden, verursacht worden." Daraufhin wird seine Aufnahme nach Arenberg durch den Landrat verweigert, aber seine Niederlassung zwecks Heirat in Immendorf befürwortet.
11.04.1846 Nach Vorladung durch den Ortsvorstand mit dem Schöffen Anton BALES und dem Beistand Peter KNOPP wird ihm schließlich doch die Schutzaufnahme nach Arenberg und die Ehe mit Witwe Hannchen FALKENSTEIN aus Hamm/Krs. Altenkirchen gestattet. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Abraham HELI, bestätigt die Trauung am 15.08.1846.

Überwachung des Religionsunterrichts
Die Akten geben Auskunft über die Probleme, die es in der jüdischen Gemeinde um die Gestellung des Lehrers David LEVI gab. 11.04.1846 Die königliche Regierung - Abtlg. Inneres - schreibt an Pfarrer GESCHWIND, Schulinspektor in Ehrenbreitstein, dass binnen der nächsten vier Wochen der jüdische Privatlehrer David LEVI aus Danzig zur Prüfung vorzuladen sei; bis dahin soll der Religionsunterricht des LEVI geduldet werden.
07.07.1846 Kgl. Regierung - gez. Spankeren - erlaubt dem Landrat Graf von BOOS, die Konzession an LEVI zu erteilen. Es sei aber darauf zu achten, dass nicht nur die Kinder zweier Familien, sondern a l l e schulpflichtigen Kinder der Immendorfer Juden den jüdischen Religionsunterricht besuchen. Bürgermeister Von EYSS beauftragt darum den Ortsvorsteher GRENZHÄUSER, sämtliche jüdischen Familien anzuweisen, ihre Kinder zum Religionsunterricht zu schicken. Daraufhin lässt es der Synagogen-Vorsteher HELI nicht zu, dass die Kinder des Oster MICHEL und des Moses MICHEL am Religionsunterricht des Lehrers LEVI teilnehmen, weil er diesen nur für seine Kinder und für die Kinder des Heimann BAER in Sold genommen habe.
16.07.1846 wird HELI bei Bürgermeister von EYSS vorgeladen und erklärt, er habe LEVI in Sold genommen, um seinen Kindern sowie den Kindern des Heimann BAER, des Leßmann LESSMANN und des Bernhard BAER Religionsunterricht zu erteilen. Die Brüder Oster MICHEL und Moses MICHEL hätten schon mehrmals mit ihm gemeinschaftlich Lehre gehabt, nach Verlauf einiger Wochen jedoch die vereinbarten Kost- und Soldanteile an den Lehrer nicht entrichtet. Die beiden seien auch häufig mit dem Lehrer in Streit geraten, der sich auf die vorgenannten Familien ausgedehnt habe, weshalb künftig jede Gemeinschaft mit ihnen vermieden werden müsse. "Weil wir unsere Kinder nicht mit den Kindern MICHEL zusammenkommen lassen wollen, kann Lehrer LEVI den MICHEL-Kindern nicht noch besonderen Religionsunterricht erteilen."
Ein Kompromiss sieht vor, dass die Familien MICHEL sich schriftlich bereit erklären, ihre Beiträge zur Besoldung des Lehrers, zu dessen Wohnung und zur Unterhaltung eines besonderen Schullokals direkt an die Immendorfer Gemeindekasse zu leisten, damit LEVI es nicht nötig habe, sein Guthaben jedesmal bei den Brüdern MICHEL einzufordern.
27.07.1846 Der Lehrer LEVI erklärt sich vertraglich bereit, allen jüdischen Kindern von Immendorf Religionsunterricht zu erteilen, wenn Oster und Moses MICHEL jährlich zu seinem Gehalt von 110 Talern anteilig - im Verhältnis der Zahl ihrer Kinder - beitragen, ebenso auch zur Einrichtung und Beheizung des Schullokals. Dieser Vertrag ist auch von Oster und Moses MICHEL unterzeichnet.
18.08.1846 Die Familien HELI und BAER weigern sich trotz des Vertrages wieder, die MICHEL-Kinder am Religionsunterricht zu beteiligen.
22.08.1846 Bürgermeister von EYSS beauftragt den Immendorfer Ortsvorsteher GRENZHÄUSER, den Familien HELI und BAER eine Strafe von 1-5 Talern anzudrohen, wenn sie ihre Weigerung nicht aufgeben.
Die rechtskräftig gewordene Strafe bleibt jedoch unbeachtet.
Der Lehrer LEVI verlässt wohl den Ort, doch um den jüdischen Religionslehrer KAHN geht der Zwist weiter, so dass am
29.12.1846 die Königliche Regierung um Hilfe gebeten mitteilt, der Behörde sei lediglich aufgetragen, dafür zu sorgen, dass die jüdischen Kinder am Religionsunterricht teilnehmen. Die Kostenverteilung zur Unterhaltung des Lehrers bleibe der freien Übereinkunft der jüdischen Gemeinde überlassen. Die Einhaltung der behördlichen Bestimmungen zur Erteilung des Religionsunterrichts unterliege der Aufsichtspflicht des Ortspfarrers und des Schulinspektors. Die gewünschte Entlassung des jetzigen Lehrers setze aber die Genehmigung der Regierung voraus. Die Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde machen die Neuwahl des Synagogenvorstehers nötig.
22.12.1846 Findet die Neuwahl des Synagogenvorstands statt. Der Landrat ernennt Bernhard BAER aus Arenberg zum Vorsteher, Leßmann LESSMANN als dessen Vertreter. Damit scheint jedoch immer noch keine Ruhe eingekehrt zu sein, denn am 14.11.1847 übersendet die Bürgermeisterei dem Vorsteher BAER eine behördlich abgefaßte Synagogenordnung, "damit die öfteren Beschwerden gegen die in der Synagoge vorkommende Unordnung aufhört."
10.01.1848 Eva HELI, *04.02.1827, gestorben 01.04.1916 in Limburg, begraben in Koblenz, die älteste Tochter des Abraham HELI aus Immendorf, will sich mit dem Handelsmann Löb STEINTHAL aus Mogendorf verehelichen und dorthin ziehen. Die vom Vater beim Bürgermeister erbetene "Entlassung aus dem Untertan-Verband" erübrigt sich nach Auskunft der Behörde, "da Inländerinnen durch Verehelichung mit einem 'Ausländer' von selbst das preußische Untertan-Recht verlieren."
02.08.1848 Bernhard BAER beabsichtigt offensichtlich wegen der fortdauernden Schwierigkeiten, sein Amt als Vorsteher der jüdischen Gemeinde Immendorf niederzulegen. Von der Bürgermeisterei wird die Gemeinde daher aufgefordert, die Stelle neu zu besetzen, was jedoch nicht geschah. 19.11.1850 In Immendorf werden jetzt 53, in Arenberg 14 jüdische Einwohner gezählt.
18.05.1851 Der Vorsteher Bernhard BAER beklagt sich beim Bürgermeister über Abraham HELI wegen Störung der bestimmten Ordnung während des Gottesdienstes und bittet, ihn zu bestrafen.
05.05.1852 Jakob HESKE klagt bei der Bürgermeisterei, der Sohn Moses des Abraham HELI habe ihn im Gottesdienst öffentlich beleidigt und - wie auch Simon BAER, Sohn des Heymann BAER - im Gottesdienst Unfug betrieben. Nach Zeugenvernehmung kommt die Sache wegen Belanglosigkeit zu den Akten.

Niederlassungsschwierigkeiten
Von den Schwierigkeiten, sich als Metzger niederzulassen berichten die Akten:
25.06.1853 Der Metzger und Viehhändler Jakob HEILBRUNN aus Frickhofen wendet sich an die Bürgermeisterei wegen seiner Niederlassung in Arenberg. Er ist seit einigen Monaten verehelicht mit Sara OSTER, Tochter des in Immendorf wohnenden Metzgers Michel OSTER, "welcher seit Jahren mit der Gicht geplagt ist und auch noch kleine Kinder hat." Daher will Jakob HEILBRUNN künftig neben seinem eigenen Geschäft in Arenberg auch jenes seines Schwiegervaters in Immendorf beaufsichtigen und leiten.
28.06.1853 Bürgermeister von EYSS notiert die Ablehnung des Gesuches durch den Gemeinderat Arenberg.
15.07.1853 Jakob HEILBRUNN stellt ein erneutes Gesuch, diesmal um Niederlassung in Immendorf od e r Arenberg.
01.08.1853 Beide Gemeinderäte lehnen dieses Gesuch ohne nähere Begründung ab.
Später wurde die Niederlassung wohl doch genehmigt.
02.08.1855 Pfarrer J. B. KRAUS schreibt im Sendschöffen-Protokollbuch:
Sein Freund Weihbischof Godehard BRAUN besucht erstmals Arenberg, um in der Pfarrei das Sakrament der Firmung zu spenden. KRAUS betont eigens, dass sich auch die jüdischen Familien bei der feierlichen Prozession vom Ortseingang (an der Niederberger Grenze) am großartigen Straßenschmuck beteiligt haben.
04.01.1859 In Arenberg werden jetzt 4, in Immendorf 44 jüdische Einwohner gezählt, davon sind schulpflichtig: in Arenberg 0 Kinder, in Immendorf 7 Kinder. Alle 7 Kinder besuchen die christliche Schule, weil es keinen jüdischen Unterricht mehr gibt. Die Kinder erhalten den Religionsunterricht von ihren Eltern, wie Bürgermeister von EYSS notiert.
Auch noch 1873 stellt Bürgermeister von EYSS fest: "Im hiesigen Bezirk (Amtsbürgermeisterei Ehrenbreitstein) keine jüdische Schule vorhanden."
20.12.1862 Die Judenschaft Vallendar ersucht um einen Beitrag der jüdischen Einwohner von Immendorf und Arenberg zur Einfriedung des jüdischen Begräbnisplatzes in Vallendar, in der Nähe von Weitersburg gelegen.
17.03.1866 Die Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde scheinen sich zugespitzt zu haben. Der Bürgermeister teilt der Zivilgemeinde mit, die jüdische Gemeinde Immendorf sei noch immer ohne gewählten Synagogenvorsteher. Daher betrachte er die Gottesdienste als Privat-Andachten, so dass vorfallende Beleidigungen nur auf dem Rechtswege zu ahnden seien.
21.02.1878: Pfarrer J. B. KRAUS listet im Sendprotokoll S.137 für Ende 1877 auf:

Arenberg

Immendorf

Katholische Einwohner 362

504

Juden + Protestanten 10

24

Einwohner gesamt 372

528

01.03.1889 Bürgermeister von EYSS drängt erneut auf die Wahl eines Vorstehers. Anlaß ist der Streit um das Eigentumsrecht der jüdischen Gemeinde an dem Haus, in dem sich auf dem 1. Stock die Immendorfer Synagoge befindet. Das Erdgeschoß mit einer Waschküche gehört der Witwe Josef GIEFER. Ein baupolizeilich festgestellter Mangel - der Schornstein der Waschküche muß um 3 Zoll in die Synagoge verlegt werden - ist nicht zu beheben, weil niemand für die Angelegenheiten der Synagoge zuständig ist.
Haus der Familie Hermann Michel
Heutige Sparkasse Immendorf.
Im Hinterhof befand sich auf dem 1. Stock über der Waschküche der Witwe Josef Giefer die Synagoge der jüdischen Gemeinde
wird noch eingefügt

Eine amtliche Statistik von 1905

Bewohnte Häuser

Einwohner Christen

Katholisch

Evangelisch

Juden

Andere

Ehrenbreitstein

271

5020

3507

1484

15

14

Pfaffendorf

319

2706

2096

602

1

6

Horchheim

276

2558

2299

252

6

0

Arenberg

95

663

632

19

12

0

Immendorf

102

564

543

5

16

0

Vallendar

467

4365

3951

247

167

0

Bendorf

590

5977

4421

1459

96

1

Sayn/Mühlhofen

370

3364

2875

315

174

0

Weißenthurm

367

2767

2446

305

8

8

Kärlich

270

1534

1499

3

27

5

Kettig

234

1343

1304

2

37

0

Mülheim

519

3272

3191

32

49

0

Kobern

326

1633

1582

11

40

0

Dieblich

235

1132

1181

10

41

0

Rhens

267

1646

1582

26

38

0

(aus: Dr. Hans Bellinghausen: Heimatkunde von Coblenz und seiner Umgebung. -Krabbensche Buchdruckerei, Coblenz, 1914, S. 104/105)
06.09.1907 Heyman MICHEL ist inzwischen Synagogenvorsteher und bittet die Gemeinderäte beider Orte um Zuschüsse zu einer größeren Reparatur an der baufälligen Synagoge.
Am 29.09. und 16.10. 1907 beschließen die Gemeinderäte, jeweils einen Zuschuß von 50 Mark zur Reparatur der Synagoge zu bewilligen, ohne damit jedoch weitere Verpflichtungen übernehmen zu wollen. Ausdrücklich wird im Beschluß von Immendorf aber auch anerkannt, dass die Juden von Arenberg und Immendorf sich seit jeher an den Kirchenlasten der Bürgergemeinde beteiligen.
Haus der Familie Adolf Michel in Arenberg, Ecke Silberstraße, genannt: "Heymanns Haus" Foto vor 1974

Das Heymannshaus des Adolf Michel wurde 1936 verkauft.
Die Familie konnte noch in die USA auswandern. Im Jahr 1975 wurde das Haus abgerissen und 
an dieser Stelle wurde ein Wohnhaus und das Restaurant "Arenberger Stuben" errichtet.




Spuren nach 1900
Die bisher ausgewerteten Bürgermeisterei-Akten des Amts Ehrenbreitstein enden bei 1907. Weitergeführte Akten ließen sich bisher nicht entdecken. Auskünfte von noch lebenden älteren Zeitzeugen sind manchmal recht vage, und nicht ausreichend zuverlässig, mitunter auch zu widersprüchlich, um sie dokumentarisch verwerten zu können.
Bemerkenswert jedoch ist die Tatsache, dass die Juden zu Beginn des Jahrhunderts im Ort Immendorf angesehen waren und die Lehrerin, Fräulein HERRIG, die Kinder zurechtwies, wenn sie die auffällige Sabbatkleidung der Juden verspotteten.
Überliefert ist auch, dass die bessergestellten Judenfamilien einigen christlichen Familien, in denen es Kranke gab, Fleisch und Wurst zukommen ließen.
 
Zahl der Einwohner des Dekanats Ehrenbreitstein.
In den übrigen Orten des Dekanats wohnten Jahresende 1931:

Ort

Katholiken

Juden

Protestanten

Konfessionslose

Zusammen

Arenberg

865

2

32

12

911

Immendorf

536

19

2

0

577

Arenberg

 

51

 

 

 

Ehrenbreitstein
 
2

 

 

 

Arzheim

 

2

 

 

 

Bendorf

 

51

 

 

 

Sayn *

 

176

 

 

 

Horchheim

 

10

 

 

 

Pfaffendorf

 

7

 

 

 

Vallendar

 

120

 

 

 


* Viele Kranke und Behinderte in der dortigen Heil- und Pflegeanstalt
(St. Heribertsblättchen, Nr.2/1932)
Kurhaus der Israelitischen Heil und PflrgeanstaltDas 1898/99 errichtete
 "Kurhaus" der "israelitischen Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und
Gemütskranke Sayn bei Coblenz"
nach einer Aufnahme 1992 von Barbara Wildenhahn; Vallendar.


Einer der Gründer der Anstalt war der Enkel Raphael/Rudolf Lissmann aus Immendorf
 
 
Anzeige aus:
Allgemeine Zeitung
des Judentums
vom 10.08.1900
 
 
 
Deportationen
Eine ziemlich zuverlässige Quelle als trauriger Nachweis der beschämenden Unmenschlichkeiten im Rahmen der sogenannten "Endlösung" sind allerdings die Deportationslisten von vier der insgesamt sieben Transportzüge, die von Koblenz-Lützel aus jüdische Menschen zu den Vernichtungslagern nach Osten brachten; darunter 13 namentlich bekannte Mitbürger aus Immendorf und Arenberg.

Erster Transport ab Koblenz-Lützel am 22. 03. 1942 mit 337 Personen
1. Eva MICHEL, *14.02.1871 in Hermannstein bei Wetzlar, in Izbica ermordet.
2. Hermann MICHEL, *17. 11. 1877 in Immendorf, in Majdanek ermordet.
3. Ferdinand MICHEL, * 26. 10. 1879 in Immendorf, in Izbica ermordet.
4. Rosalina MICHEL, * 24.01.1882 in Immendorf, in Izbica ermordet.
5. Sybilla MICHEL, * 22.12.1882, in Izbica ermordet.
6. Rosalie MICHEL, * 05.01.1885 in Immendorf, in Izbica ermordet.
7. Helga MICHEL, * 13.07.1923 in Bonbaden, in Izbica ermordet.
8. Jenni MICHEL, * 07.04.1901 in Arenberg, in Majdanek ermordet.

Zweiter Transport ab Koblenz-Lützel am 30.04.1942, vermutlich nach Lublin
9. Rosa Michel, * 23.12.1881 in Immendorf
 
Dritter Transport ab Koblenz-Lützel am 15.06.1942, nach Izbica
Über 1000 Menschen aus der israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendof-Sayn
(Jacobi´sche Anstalt, Hindenburgstr. 71) in 9 Güterwagen, mit 324 Menschen aus Koblenz.

Vierter Transport ab Koblenz-Lützel am 26/27.07.1942, nach Theresienstadt
10. Jeanette MICHEL, Lebensdaten unbekannt, ermordet in Minsk.
11. Johanna BAER, * 14.03.1883 in Immendorf, ermordet in Theresienstadt oder schon auf der Fahrt dorthin.
12. Markus MICHEL, * 28.09.1872 in Immendorf, von Arenberg aus deportiert, ermordet in Minsk. Seine Ehefrau
13. Hedwig MOSES, * 10.05.1874 in Urbach-Kirchdorf, am 22.03.42 von Bendorf-Sayn aus nach Izbica deportiert

Fünfter Transport ab Koblenz-Lützel am 28.02.1943 nach Auschwitz

Sechster Transport ab Koblenz-Lützel im Juli 1943 nach Auschwitz

Siebter Transport ab Koblenz-Lützel am 18. 02. 1945 nach Theresienstadt
In diesem Transport wurden auch 18 Menschen aus solchen Mischehen deportiert, in denen ein "arischer" Ehegatte lebte.
Ab Koblenz-Lützel wurden insgesamt 931 jüdische Menschen aus dem Stadt- und Landkreis Koblenz deportiert.
Über die unmenschlichen Begleiterscheinungen bei diesen "Evakuierungsaktionen" berichtet anschaulich Elmar Ries in "Beiträge zur jüdischen Geschichte in Rheinland-Pfalz" Ausgabe 2/1993, Heft 5, Seite 32.
Die Deportation der 13 hier aufgeführten Immendorfer und Arenberger Mitbürger ist nachgewiesen in den beiden -leider unvollständigen- Bänden des "Gedenkbuchs der Juden" (Bundesarchiv Koblenz), teils aber auch durch die Deportationslisten, die im Gedenkraum des Bürresheimer Hofes (früher Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz) einzusehen sind.

Auf der Flucht deportiert:
Viele jüdische Mitbürger konnten damals - vor allem nach den schicksalhaften Vorzeichen der Pogromnacht vom 9. November 1938 - rechtzeitig durch die Flucht entkommen. Von etlichen wissen wir jedoch, dass sie auf der Flucht nur bis zu Freunden oder Verwandten, z.B. nach Berlin, Köln, Leipzig oder nach Holland entkamen und dann von dort aus deportiert wurden.
Die Gesamtzahl der umgekommenen Immendorfer und Arenberger Juden ist daher bis heute noch immer unbekannt.
1. Albert MICHEL, * 27.08.1898 in Immendorf. 1938 Lageraufenthalt in Dachau. Zwangsarbeit in Grimma/Sachsen als Kohlenarbeiter. Am 10.05.1942 nach Belsec deportiert. In Treblinka oder Majdanek ermordet.
2. Bernhard MICHEL, * 06.01.1903 in Arenberg. Im Oktober 1941 von Köln aus nach Riga deportiert. Dort ermordet.
3. Julie MICHEL, * 26.09.1898 in Köln. Im Oktober 1941 von Köln aus nach Riga deportiert. Dort ermordet.
4. Moses SONNENBERG, in Auschwitz vergast.
5. Martin Michel, * 07.10.1920 in Bonbaden, 1938 Zwangsarbeit in der Eifel, nach Gut Winkel bei Berlin und Skaby bei Fredersdorf, um auszuwandern. Dort heiratet er seine Ehefrau Ilse MICHEL, * 27.04.1929. Von Tilsit aus werden beide nach Auschwitz deportiert, überleben den Lageraufenthalt.
6. Lina WEINBERG, geb.MICHEL, * 20.10.1885 in Immendorf. Von Westerbork/NL aus deportiert.
7. Ruth WEINBERG, * 28.03.1922. Von Westerbork/NL aus deportiert.
8. Hertha MICHEL, möglicherweise ebenfalls von Westerbork/NL aus deportiert.
9. Julius Friedrich MICHEL, * 05.10.1888 in Immendorf. Von Köln aus nach Lodz deportiert. Dort ermordet.
10. Auguste MICHEL, * 24.07.1903 in Wellen. Von Köln aus nach Lodz deportiert. Dort ermordet.
11. Gerd MICHEL, * 19.01.1930 in Immendorf. Von Köln aus nach Lodz deportiert. Dort ermordet.
12. Isaak MICHEL, * 08.02.1861 in Immendorf, später wohnhaft in Frankfurt/M, am 10.11.1942 nach Terezin deportiert. Dort ermordet. Seine Ehefrau
13. Berta DREYFUSS, * 06.12.1867, später wohnhaft in Frankfurt/M, am 12.09.1943 nach Terezin deportiert. Dort ermordet.
14. Julius MICHEL, * 18.08.1877 in Immendorf, später wohnhaft in Mainz, 1941 nach Auschwitz deportiert. Dort ermordet. Seine Ehefrau
15. Mathilde Martha MICHEL, geb BLUME, * 21.07.1891, später wohnhaft in Mainz, 1941 nach Auschwitz deportiert. Dort ermordet.

Johanna Baer, querschnittsgelähmt
Eine der Frauen, die am 27. Juli 1942 die Todesfahrt nach Theresienstadt antraten, war die querschnittgelähmte Johanna BAER, geboren am 14.03.1883 in Immendorf. Zusammen mit ihrem Bruder Hermann BAER, * 07.06.1879 in Immendorf, wuchs sie nach den Tod ihres Vaters Bernhard BAER II (am 20.02.1893) bei Michel MICHEL II als Waisenkind auf. Schon in ihrer Jugend war sie zum katholischen Glauben übergetreten, weil sie in ein christliches Waisenhaus überwiesen wurde. Ihr Bruder brachte sich am 17.12.1941 vermutlich selbst um.
Bis zum 26. Juli 1942 hatte sie im Kloster der Ewigen Anbetung, zunächst in Horchheim, dann in Pfaffendorf, Hermannstraße 29, gelebt. Im Rollstuhl als Nonne getarnt nahm sie hinter dem großen Glasfenster eines abgedunkelten Nebenraums regelmäßig am öffentlichen Gottesdienst in der Kapelle des Klosters Bethlehem teil. Frau Thill erkundigte sich 1986 bei einer alten Schwester im Kloster
Einer der Gründer der Anstalt war der Enkel Raphael/Rudolf LISSMANN des Süßkind LISSMANN aus Immendorf.
nach Frau BAER: - "Sie war eine gebildete Frau, war stets geistig beschäftigt. Sie hatte Angst, aber sie war tapfer... Wenn sie nicht im Rollstuhl saß, versuchte sie sich über den Boden weiterzurollen, um beweglich zu bleiben... Die SS und die Gestapo fragten immer wieder nach ihr... Dann wurde sie eines Tages abgeholt."
Ein Eisenbahnbeamter erzählte später den Schwestern, was er in Lützel beobachtet hatte: Johanna BAER war mit ihrem Rollstuhl in einen Güterwaggon in der Mitte des Zuges hineingehoben worden. Dort wurde sie wieder herausgeholt und in den letzten Waggon gehievt, der kurz nach Abfahrt des Zuges wieder abgehängt wurde. Der Waggon blieb mehrere Stunden dort stehen. Es wäre also nicht auszuschließen, dass Johanna BAER vielleicht unweit von Koblenz schon umgebracht worden sei, meinen die Schwestern.
Nach Hildburg-Helene Thill, Lebensbilder jüdischer Koblenzer und ihre Schicksale, Koblenz 1987.
Dem umfangreichen Archiv-Wissen von Frau H.-H. Thill verdanke ich außerdem sehr viele Hinweise bezüglich der ab Seite 27 versuchten Generationen-Struktur der Immendorfer und Arenberger Judenfamilien, soweit eine solche nach den bisherigen Erkenntnissen möglich ist.

Nie wieder
Zwar wurde bereits 1925 die allererste Ortsgruppe der NSDAP für den ganzen Bereich Koblenz in Arenberg gegründet, doch weiß man heute, dass die "Gestapo" bei lokalen Aktionen (1938/1942) nicht gerne Parteifunktionäre aus unmittelbarer Nachbarschaft der Judenfamilien beorderte, sondern lieber unbekannte Helfer aus entfernteren Orten zum Einsatz brachte, die ihrerseits freilich auf unterstützende Beihilfe durch dienstlich beauftragte Polizeikräfte vor Ort angewiesen waren. Daneben erinnern sich Zeitzeugen an Übergriffe und Zerstörungen, die sich sogar in einem Kirmesspruch* niederschlugen:
 
"Us Erna war am stricken,
us Jenny war am flicken,
us Bernhard las die neuste Nachrichten,
un ich wusch mir mei Füß.
Da kam so a Wacker durchs Fenster (Beschreibt mit ihren Händen die Größe des Steins)
üwers Gestrickte, üwers Geflickte,
üwer die neuste Nachrichte
direkt vor mei Füß..."
 
*Beim Kirmesspruch habe ich erhebliche Zweifel, denn während des Krieges gab es keine Kirmes und somit auch keinen Kirmesspruch.
Es war auch kein "Spottvers" sondern die Schilderung der Jeanette Michel, die mit ihren Worten einen Übergriff Arenberger Hitlerjungen beschreibt, die Steine in ihr Fenster warfen (Siehe unten). Die Schilderung stammt mW. aus 1940-41  Konrad Weber
 
Der Spottvers wollte sich lustig machen über Jeanette MICHEL, geb. KAHN, genannt "Settchen", die mit ihren Kindern im Haus Adolf-Hitler-Str.7 wohnte. Jemand anderes erzählte kürzlich sehr aufrichtig, was er als Schulkind selbst miterlebt hat: Nach der Vorführung des Propagandafilms "Jud Süß" im Arenberger Gasthaus "Zum Goldenen Stern" hätten aufgehetzte Schulkameraden auf dem Heimweg nach Immendorf Steine in die Fenster der Judenhäuser geworfen.
Die 1933 in Deutschland mit einer hemmungslosen Staatspropaganda begonnene systematische VoIkserziehung zum Rassenhaß signalisierte 1938 unübersehbar den Willen der Machthaber, zunächst die bürgerliche, dann die physische Existenz der Juden zu vernichten. Mit dem organisierten millionenfachen Massenmord an Juden während der Kriegsjahre 1941-1945 wurden auch jüdische Menschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft zu Opfern einer Menschen verachtenden Politik. Politik war und ist kein unabwendbares Schicksal. Sie wurde und wird von Menschen gemacht. Wenn wir etwas tun wollen, um offen und ehrlich dem Vergessen, dem Verharmlosen oder gar dem Leugnen der damaligen Schandtaten entgegenzuwirken, dann wäre es höchste Zeit, unseren ehemaligen Mitbürgern in irgendeiner Form ein Zeichen des ehrenvollen Mitgefühls und des bleibenden Gedenkens zu setzen. Und sei es wenigstens in Form einer schlichten Plakette oder Gedenktafel * an der Stelle, wo sie einst ihre Synagoge hatten. Auf solche Weise könnten wir unseren festen Willen bekräftigen, dass das was geschehen ist, nie wieder passieren darf.


 

* Die Anregung von Clemens Theis ist mittlerweise erfüllt worden. Die Gedenktafel wurde an der Fassade des neuerrichteten Hauses Giefer in Immendorf am 3. Mai 1997 (ehemaliges Gasthaus Giefer) auf Kosten der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden Arenbergs, nach einer eindrucksvollen Gedenkstunde in der Immendorfer Kirche, angebracht. Für die deportierte, ermordete jüdische Arenberger Familie Michel und für den von den Nazis verfolgten und gefolterten Prof Dr. Dr. Friedrich Erxleben habe ich im August 2009 fünf "Stolpersteine"  zum Gedenken angefordert.

Die Abdruckrechte für diesen Beitrag, hat mir freundlicherweise Clemens Theis  am 25. April 2007  erteilt.
Konrad Weber