Aus: Massing/Thul, 200 Jahre Notariat und
Notare in Andernach.
( Andernacher Beiträge, Heft 15, 2000)
Justizrat
Massing hat mir freundlicherweise tel. die Abdruckgenehmigung für diesen Artikel
erteilt (16.01.2005)
Notar Paul Peter Weber (März 1952 bis Juli 1967)
Mit Wirkung vom 1 . März 1952 verlegte der Justizminister des Landes Rheinland-Pfalz den Amtssitz des Notars Weber von Münstermaifeld nach Andernach. Am 26. März des gleichen Jahres erteilte der Landgerichtspräsident in Koblenz ihm und Notar Richard Karnmerich. dessen Amtssitz von Pfeddersheim ebenfalls mit Wirkung vom 01 .03. 1952 auf die neu geschaffene zweite Stelle verlegt worden war, die Erlaubnis. sich zur gemeinsamen Berufsausübung zu verbinden. Sie übernahmen zunächst das Büro des Notars Dr. Thelen im Amtsgerichtsgebäude und zogen im Jahre 1955 in die Moltkestraße 19 um.
Paul Weber wurde am 12. Januar 1892 in Arenberg bei Koblenz als Sohn eines Landwirtes geboren. Der nachmalige, bereits erwähnte Bundesjustizminister Karl Weber war sein Bruder. Er besuchte das Kaiserin-Augusta-Gyrnnasium in Koblenz und begann nach dem Abitur das Studium der Rechte an der Universität Bonn. Am 2. August 1914 zog er als Freiwilliger in den ersten Weltkrieg, aus dem er verwundet, mit dem EK I (Eisernes Kreuz erster Klasse) und anderen hohen Orden ausgezeichnet, als Leutnant der Reserve zurückkehrte. Ende Februar 1919 aus dem Heer entlassen, nahm er seine Studien in Bonn wieder auf. Am 20. Juli 1920 legte er in Köln das erste juristische Staatsexamen ab, am 16. Januar 1925 das zweite Examen in Berlin. Schon 14 Tage später wurde er mit Notarvertretungen betraut und von Juni 1925 bis Ende Oktober 1926 arbeitete er bei der Feststellungsbehörde der Regierung in Koblenz, die mit Reparationsleistungen befaßt war.
Mit Wirkung vom 1. November 1926 wurde er zum Notar mit dem Amtssitz in Treis an der Mosel ernannt. Am 1. Juli 1932 wurde er auf sein Gesuch hin nach Münstermaifeld versetzt, wo er bis zum 28.02.1952 amtierte. Am 21.10.1936 heiratete er Gisela Handschuh, Tochter eines Oberlehrers. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne, Wolfgang und Norbert, sowie eine Tochter Roswitha, die früh verstarb, hervor.
Die Nationalsozialisten und Paul Weber fanden
aneinander keinen Gefallen. Am 7. August 1935 schrieb das Amt für Volkswohlfahrt
in Mayen an den Volksgenossen Weber. dass es für ihn kein Ruhmesblatt sei, die
Zahlung von monatlich einer Reichsmark an die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt)
eingestellt zu haben. Wenn der Führer sich redlich bemühe. das deutsche Volk
aus Schmach und Schande einer besseren Zukunft entgegen zuführen,
sei es für jeden anständigen Deutschen eine moralische Pflicht. Mitglied der
NSV zu sein. In seiner Eigenschaft als Notar sei er erster Diener von Volk und
Staat. Man gebe ihm Gelegenheit. seinen Standpunkt zu ändern und das Versäumte
binnen kürzester Frist nachzuholen. Ob Paul Weber seinen NSV-Beitrag wieder
gezahlt hat, ist nicht bekannt. In jedem Falle bekam er die Quittung. indem
seine Bewerbungen vom April 1937 und August 1938 um die frei gewordenen Stellen
der Notare Lanser und Kost in Koblenz und eine weitere Bewerbung vom 21.01.1939
abgelehnt wurden, alle wegen politischer Unzuverlässigkeit. Da half ihm auch
nicht der Hinweis auf seine Opfer. die er im ersten Weltkrieg habe bringen müssen.
Foto:
Notar Paul Weber (1892-1967)
Nach Kriegsende durfte Notar Weber unbeanstandet
weiter amtieren. Am 22.10.1946 wurde ihm mitgeteilt, dass im Bereinigungsverfahren,
besser bekannt als Entnazifizierungsverfahren. seine Belassung im Amt beschlossen
und seine Bestellung zum Notar im Bezirk der Provinz Rheinland-Hessen-Nassau
mit dem Amtssitz in Münsterrnaifeld bestätigt worden sei.
Wenn schon die
Quellen so spärlich fließen, ist Raum für ein zeitgeschichtliches Dokument,
das zwar die Amtstätigkeit Paul Webers nur am Rande berührt, aber für die Stimmung
in der frühen Nachkriegszeit symptomatisch ist.
Am Abend des 24.09.1946 wurde Notar Weber, der vorn Bahnhof Münsterrnaifeld kam und nach Hause wollte, von französischen Besatzungssoldaten festgenommen und in eine Turnhalle eingesperrt. 20 weitere Bürgerinnen und Bürger aus Münstermaifeld teilten mit ihm das gleiche Schicksal. Vorgeworfen wurde den Festgenommenen, dass sie die ab 20.00 Uhr beginnende Ausgangssperre verletzt hätten. Davon wußten jedoch die Betroffenen nichts. Weber hatte zunächst Zuflucht bei dem mit ihm befreundeten Tierarzt Dr. Fischer, dem Vater des späteren Notars Manfred Fischer, gefunden. dann aber versucht, in seine nahe gelegene Wohnung zu gelangen. Auf dem Weg dorthin verhaftete ihn ein französischer Feldwebel. der vorher schon den Landrat des Kreises Mayen mit vorgehaltener Pistole arretiert hatte. Grund für die Verhängung der Ausgangssperre war offensichtlich ein Dummerjungenstreich: Man hatte in den PKW des französischen Ortskornmandanten und vor sein Haus Steine gelegt. Weber mußte die Nacht über in der Turnhalle verbringen und wurde am anderen Morgen nach 10.00 Uhr mit den übrigen 20 Verhafteten entlassen. Er beschwerte sich wegen dieses Vorfalls bei dem französischen Militärgouverneur Hettier de Boislambert. oder wie die Koblenzer ihn nannten beim "Bösen Lambert". Uber dessen Reaktion ist nichts bekannt.
Im Jahre 1950 hielt es Paul Weber nicht mehr in Münstermaifeld er bewarb sich um die durch den Tod des Notars Müller in Koblenz-Ehrenbreitstein freigewordene Stelle. Es zog ihn in die Nähe seiner Heimat Arenberg. Er hatte darüberhinaus den Wunsch, dass seine beiden Söhne eine höhere Schule in Koblenz besuchen sollten. Ferner wollte er die Möglichkeit haben. am kulturellen Leben der Stadt Koblenz teilnehmen zu können. Der Präsident der Notarkarnmer Koblenz befürwortete diese Bewerbung auch der Oberlandesgerichtspräsident hatte nichts dagegen. Sein Amtssitz wurde nach Koblenz-Ehrenbreitstein verlegt, doch Paul Weber zog nicht mehr dort hin. Es war ihm nicht gelungen, an die Kanzleiräume des verstorbenen Kollegen Müller zu gelangen und dessen Personal zu gewinnen, obwohl er mit dem Bürovorsteher schon handelseinig geworden war. Die beiden in Ehrenbreitstein tätigen Notare setzten sich in die Kanzleiräurne des verstorbenen Notars Müller und übernahmen dessen Personal. Verärgert bat Weber um Rücknahme der Verlegung seines Amtssitzes. Diesem Wunsch hat man entsprochen.
Nach dem Tod des Notars Dr. Josef Thelen bewarb sich Paul Weber um dessen Stelle, und dies, wie bereits berichtet. mit Erfolg. Uber 15 Jahre war er, zusammen mit seinem Sozius Richard Karnmerich, in Andernach überaus erfolgreich und in hohem Ansehen stehend als Notar tätig.
Die blühende deutsche Wirtschaft bestimmte auch die steigende Zahl der Urkundsgeschäfte der Sozietät. Nach 4407 Urkunden im Jahre 1952 waren es 1953 und 1954 jeweils um 5300. In den Jahren 1955 bis 1959 ist allerdings ein jährlicher Rückgang von 10 bis 15 % festzustellen. 1957 waren es nur noch 4307 Beurkundungen. Wo die Ursache dieser Delle zu suchen ist, darüber kann nur spekuliert werden. Möglicherweise war der Boom der Bimsgeschäfte überschritten. Um so erstaunlicher ist, dass im Jahre 1960 das Urkundsaufkommen 5383 betrug und diese Höhe im wesentlichen bis zum Jahre 1964 gehalten werden konnte. In 1965 ging die Zahl wieder zurück auf 4822 und betrug 1966 noch 4545 Urkunden, also kaum mehr als zu Beginn der Sozietät im Jahre 1952.
75 Jahre alt geworden, starb Notar Paul Weber am 25.07.1967 in Andernach, wo er auch begraben wurde. Die Geschäfte des Notariats führte bis zum 30.04.1968 sein ältester Sohn, Dr. Wolfgang Weber, der zur Zeit Notar in Bernkastel-Kues ist.
Mit den Nazis hatte mein Onkel erhebliche Probleme. Weil er den monatlichen Mitglieds-Beitrag
nicht bezahlen wollte, warfen sie ihn aus der SA (siehe nachstehendes Dokument). Während
der Nazizeit mussten Amtsträger des Staates der NSDAP, oder einer der Unterorganisation
der Partei angehören. Wer sich dem widersetzte oder dem System kritisch gegenüberstand,
wurde als "Politisch unzuverlässig" (s. oben) eingestuft und musste mit Schikanen
und
Schwierigkeiten des Terrorregimes rechnen.
Nach dem kläglichen Scheitern
der Nazis und dem Zusammenbruch, setzten die amerikanischen Besatzer
meinen
Onkel den Notar Paul Weber am 16. März 1945 für drei Monate als Interims- Amts- und Stadtbürgermeister
ein.
Konrad Weber