Pfarrer Josef Weber, geboren am 19.1. 1865 in Arenberg,
gestorben im Alter von 62 Jahren am 17.2. 1927 in Vallendar am Rhein


Nach seiner Priesterweihe am 2. April 1892 wirkte er zunächst 4 Jahre als Kaplan in Betzdorf an der Sieg, danach über 10 Jahre als Pfarrer in Hasborn bei Wittlich, wo er eine schöne Pfarrkirche baute. Endlich von 1906 bis zum 1. Mai 1926 war er Pfarrer in Bacharach am Rhein und Definitor des Dekanates St. Goar. Wegen mehrerer Schlaganfälle im Jahre 1926 musste er am Sonntag "Misericordia" (zweiter Sonntag n. Ostern) sein Priesteramt aufgeben. Danach lebte er noch einige Monate in Arenberg bei seinem Bruder Carl. Er starb am 17.2. 1927 in Vallendar, im Haus seines Bruders Peter. Zu seiner Beerdigung in Arenberg, soll ganz Bacharach gekommen sein.

Anmerkung:
Der bewegende Artikel befand sich im Nachlass Peter Webers (Pfarrer in Irlich am Rhein) und stammt vermutlich aus dem "Mittelrheinischen Volksblatt". Er schildert die Abschiedsmesse mit der letzten Predigt in der Pfarrkirche in Bacharach, die sein Bruder Peter stellvertretend für den schwerkranken Bruder hielt. Den vorgefundenen Text habe ich, bis auf fehlende Satzzeichen und Druckfehler  unverändert übernommen.
Der Text der Abschiedspredigt wurde kursiv und in anderer Schriftart abgesetzt.

Konrad Weber 27. Jan. 2009


Des Priesters Abschied
 
Von seinem Freund erzählt.

Hochheilige, freudenreichste Zeit des Kirchenjahres von Ostern bis zum Tag der Himmelfahrt unseres Herrn und Heilandes – und dazu noch Frühlingszeit am deutschen Rhein! Wie freudevoll wird der zweite Sonntag nach Ostern 1926 sein, den ich wieder einmal im geliebten Bacharach verleben wollte. Seit Wochen hatte ich mich auf den Tag gefreut, der uns in seinem großen Evangelium vom „Guten Hirten“, dem Gotteslamm und dem Menschenhirten soviel zu sagen hat von des Heilandes Hirtentreue und von seliger, einstiger Vollendung des Gottesreiches. – Doch sollte diesmal der ersehnte Sonntag und Sonnentag am Rhein zugleich ein Tag voll Wehmut und Abschiedsschmerz werden. Wieder hatte der wackere katholische Pfarrer des altehrwürdigen Rheinstädtchens einen Schlaganfall erlitten, dessen Folgen ihm Darbringung des hl. Opfers, Predigt und Seelsorge unmöglich machten. Da kam für ihn die schmerzliche Notwendigkeit der Amtsniederlegung mit ihrer ganzen herben Bitterkeit. –

Bei der feierlichen Einführung grüßt jeder katholische Pfarrer seine neue Gemeinde mit dem Evangelium vom Guten Hirten. So hatte es auch der nun scheidende Pfarrer  vor 20  Jahren in der Clemenskirche zu Bacharach getan. Heute, am Sonntag Misericordia mit seinem Evangelium vom Guten Hirten, nahm der treue Priester  im feierlichen Gottesdienst Abschied von der ihm anvertrauten Gemeinde in einer ganz seltenen und herzbewegenden Art.

An eine der ergreifendsten Erzählungen des alten Testamentes wurde ich in dem denkwürdigen Gottesdienste erinnert. Drei Jahrtausende ist es her, da stiegen zwei treue Brüder, Moses und Aaron, nach Gottes Geheiß auf den Berg Hor, denn Aaron sollte nach dem Willen des Herrn auf dem Gipfel dieses Berges sterben. Es war doch ein überaus ernster Gang, den die beiden Brüder taten. Was alles ging wohl durch die Herzen des nun sterbenden Aaron und des gewaltigen Moses, der auch dem Grabe nicht mehr fern war. Wie viele Großtaten und gnädige Durchhilfen Gottes hatten die beiden Brüder schauen und erleben dürfen. – Moses half als treuer Bruder dem Aaron beim Scheiden aus dieser Welt. Ein getreuer Bruder half heute, am Sonntag Misericordia, dem schwergeprüften Pfarrer, den des Todes Fittiche schon umrauschen, bei dem für einen rechten Priester unsagbar schweren Abschied von dem geliebten Gotteshaus, von dem trauten Pfarrhaus mit Aussicht auf soviel Rheinherrlichkeit und bei der äußeren Trennung von den ihm anvertrauten Pfarrkindern.
 Doch vor allem war der Auferstandene, den der Unglaube so oft totgesagt hat und der doch immer wieder sieghaft durch die Lande und Menschenherzen geht, auch heute hier zugegen in machtvoller Wirklichkeit. Mag der Tod sich auch den gebrochenen alten Mann als baldige, sichere Beute erkoren haben: Jesu Tod ist unseres Todes Tod. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Wiedersehen. Jesus lebt, Jesus ist Sieger, Allelujah! Die im Krieg einsam gewordene Glocke der St. Clemens-Kirche ist verklungen. Unter den  Klängen eines kurzen Orgelpräludiums treten die beiden Brüder, die einst denselben Beruf erwählten, aus der Sakristei. Der ältere, ein ehrwürdiger Priestergreis von fünfundsiebzig Jahren, tritt im österlichen Messgewand an den Altar, um für den vierzehn Jahre jüngeren Bruder das Opfer des Neuen Bundes feierlich zu begehen, während ein Mitglied des Kirchenvorstandes den scheidenden Pfarrer zu einem bereitstehenden Ruhesessel begleitet.
 Die hl. Handlung geht ihren Gang; selten mögen die Gläubigen mit so viel innerer Anteilnahme dabei gewesen sein als heute. – Zur hl. Abschiedsmesse gehört aber auch die Abschiedspredigt. Langsam besteigt der von der Fülle der Jahre gebeugte ältere Bruder hernach die Kanzel, um für seinen Bruder,  der noch jetzt in besonderem Maße Entsagung und  Ergebung lernen muß und den der allmächtige Gott selbst in den Ruhestand versetzt hat, Gottes Wort und Ratschluss zu verkündigen. Ich will nun den lieben Lesern sagen, was ich aus der Abschiedspredigt, die der Bruder für den Bruder hielt, behalten habe.

 „Durch fünfzig Jahre durfte ich an heiliger Stätte das Wort Gottes verkünden, und nie bis nach dem vergangenen Weißen Sonntag dieses Jahres ist es mir so schwer gefallen. Aber  heute wird es mir unsagbar schwer, die Predigt zu halten. Wäre ich in Lage meines jüngsten Bruders, dann könnten wir arme Menschen uns viel leichter darin finden. Aber wir müssen es immer wieder lernen: Gottes Gedanken sind ganz anders und viel höher als unsere Gedanken. Und statt immer bei so manchem Geschehen nach dem „Warum“ zu fragen, wäre es besser, doch unentwegt der ewigen Gnade und Weisheit zu trauen, denn Gott hat noch nie etwas versehen. „Den er will nachher herrlich zieren  und über Sonn´ und Sterne führen, den führet er zuvor hinab.“  Von schmerzlichem Abschiednehmen wird uns schon in der hl. Schrift erzählt. Denken wir an den Abschied des großen, alttestamentlichen Gottesmannes, des Moses, vom  Volke Israel. – Wie bitter schwer ward dem großen Heidenapostel St. Paulus der Abschied von den Ältesten von Milet. Versetzen wir uns aber im Geist auf den Gipfel des Oelberges am Morgen des Himmelfahrttages. Genau sechs Wochen vorher hatte der Heiland am Fuße  des Oelbergs im dunklen Oelgarten voll Zittern und Zagen auf den Knien gelegen und sich durch Todesangst und Grauen zur vollen Ergebung in Gottes Willen durchgerungen. Nun aber stand er als Sieger über Tod  und Hölle triumphierend im Kreis seiner 11 Jünger auf der Höhe des Oelbergs und sprach sein Königswort von aller Gewalt und Macht, die ihm im Himmel und auf Erden gegeben ist. Gewiss war der Himmelfahrtstag für die armen Jünger ein schwerer Abschiedstag,  denn von nun an weilte der Auferstandene nicht mehr unter ihnen. Und doch kehrten die Jünger mit großer Freude vom Oelberg nach Jerusalem zurück. Die Erscheinung des zum Himmel und in die Herrlichkeit zurückkehrenden Heilandes war zu groß, zu gewaltig, zu herrlich gewesen, denn - sie waren niedergefallen und hatten ihn angebetet.

 Und nun warteten sie in heiliger Vorfreude des verheißenen, heiligen Gottesgeistes, der sie in alle Wahrheit leiten und für ihren hehren Apostelberuf  begeistern und stärken sollte. - Mag unser Herz auch heute in Abschiedsweh erzittern, - nachher bei der heiligen Wandlung steigt derselbe Heiland, der vor neunzehnhundert Jahren  am Osterabend  seine Jünger mit dem Ostergruß "Friede sei mit euch" grüßte und ihre Herzen froh machte, auch zu uns hernieder. Und er will bei uns bleiben. Mag in dieser armen, vergänglichen Welt und in  unserem irdischen Leben alles dem Wechsel unterworfen sein, - der Osterabendbitte "Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt" gibt der Heiland auch heute ein gnädiges Erhören. Vor zwanzig Jahren hielt ich meinen Einzug in diese mir so lieb und teuer gewordene Gemeinde. Mancher, der nur auf äußere Dinge sieht, ist wohl der Meinung, Pfarrer  in einem trauten Städtchen am schönen Rhein zu sein, bedeute nur ein Wandern in lauter Freude. Nicht leicht ward mir  vor zwei Jahrzehnten der Abschied von meiner früheren Stelle, denn auch dort verließ ich eine Gemeinde, die fest und treu im Glauben stand. Auch hatte ich da  ein herrliches Gotteshaus mit errichten dürfen, und kein katholischer Priester geht leichten Herzens von einer Kirche, die er unter eigenen großen Opfern mit hat erbauen helfen. Meine Arbeit hier erinnerte in vielem an das Wirken eines Pastors in der Diaspora. Viel an Eifer, Klugheit, Takt und Rücksicht mußte ich immer wieder von Gott erbitten. Aber der Herr half immer wieder aus und half gnädig weiter.

 Auch an harten und beschwerlichen Wegen hat es nicht gefehlt. Ein andersgläubiger Mann rief mich einst in stürmischer Nacht zu einem Sterbenden. Gott segne den Mann, der mich holte, für seinen treuen Botendienst. Aber auf dem engen und glatten Weinbergspfad stürzte ich hin und tat einen schmerzhaften Fall. Doch war mir die heilige Priesterfreude beschieden, den müden Erdenpilger noch eben rechtzeitig zu erreichen und ihm für die Wanderung durch das dunkle Todestal die Tröstungen unserer heiligen Religion zu spenden. Ich sage noch einmal: Gott segne den wackeren Mann, der mich holte, dem Sterbenden in schwerster Stunde beizustehen.

 Es ist mir heute eine heilige Pflicht, euch  von ganzem Herzen zu danken für alle mir erzeigte Liebe und für alle mit mir besonders in meinen Krankheitstagen geübte Geduld. Mit vollem Vertrauen kam ich zu euch, und ich durfte mich auch eures Vertrauens in seltener Weise erfreuen.

 Verzeiht mir, wo auch immer ich einem von euch zu nahe getreten bin und wehe getan habe, wie auch ich von ganzem Herzen denen vergebe, die mich verkannten und verletzten. Böse Absicht bestand wohl auf keiner Seite; es waren wohl nur Missverständnisse, die hin und wieder eine Verstimmung erzeugten. Meine lieben Pfarrkinder! Euer alter Pfarrer, der an der Pforte der Ewigkeit steht, bittet auch heute: Haltet unverbrüchlich an unserem heiligen Glauben! Böse und schwere Zeiten haben wir gemeinsam durchlebt.

 Es war doch auch ein Zeichen dieser Zeit, als vor einigen Jahren ein roher Mensch, ein Feind von Kirche und Vaterland - er gehörte zu keiner christlichen Konfession  - mich, den schon kranken und wehrlosen  Pfarrer auf offener Straße in unflätigen Worten beschimpfte und mich schlug. - Schwere Zeiten  werden für unsere hl. Kirche, unser Vaterland und für jeden von euch noch kommen. Im Beistand und in der Gemeinschaft des Auferstandenen aber werdet ihr getrost und stark durch dieses Leben gehen und der Tod wird euch dann auch nicht mehr schrecken, sondern der Eingang zu einem ewigen besseren Leben sein.
 Bald wird mein Nachfolger seinen Einzug halten und euch grüßen mit dem Evangelium vom guten Hirten. Schenkt auch ihm euer Vertrauen, steht fest zu eurem Seelenhirten und stärkt ihn mit eurem Gebet. Wie zwischen den Jüngern von Emmaus, so sei auch hier der auferstandene Heiland der Dritte im Bund zwischen Pfarrer und Gemeinde.

 In wenigen Tagen muß ich mein trautes Pfarrhaus verlassen und will meine mir noch von Gott beschiedene Lebenszeit in meiner Heimat, dem Wallfahrtsort Arenberg verbringen. Ich bitte euch weiterhin um das Almosen eures Gebetes, wie auch ich euer stets und gern im Gebet gedenken werde. Unser Gebet füreinander ist doch das Beste, was wir einander tun können. Auch von uns soll es heißen: "Im Herrn sind wir vereint und bleiben´s allerwärts." Und dann wird einmal - vielleicht schon recht bald - ein Tag kommen, da werdet ihr hören, daß euer alter Pfarrer gestorben ist. Wenn dann in meiner alten Pfarrkirche für mich und meine ewige Ruhe das hochheilige Opfer dargebracht wird, dann seid bitte alle zugegen, die ihr es eben einrichten könnt und vereinigt euer Gebet mit dem meines Nachfolgers. Habt nach meinem Heimgang auch noch oft ein andächtiges Vaterunser für mich! Amen" ---
Bei dem letzten Worte hatte die Ergriffenheit Prediger und Zuhörer übermannt. Kaum ein Auge war tränenleer; auch Männer weinten. Und keiner brauchte sich seiner Tränen zu schämen, hat doch ein viel Höherer als wir alle vor Jerusalem und am Grab seines Freundes geweint. --
Wieder steht der ältere Bruder am Altar und die hl. Handlung nimmt ihren Fortgang. Während draußen hart am Kirchlein der D-Zug vorbeirast und wohl meist ruhe- und friedlose Menschen dahinträgt, geht hier an hl. Stätte der Auferstandene bei der hl. Wandlung segnend durch das Gotteshaus und grüßt die Seinen wie einst am Osterabend die verzagten Jünger.

Der feierliche Abschiedsgottesdienst ist vorüber, der Segen erteilt, die beiden Brüder sind in die Sakristei zurückgekehrt. Doch niemand verlässt die Kirche. - Da tritt der scheidende Priester noch einmal unter seine bisherigen Pfarrkinder und grüßt noch einmal so treu mit Auge und Hand, besonders die Kinder, die vorne knien. Und dann geht der treue Mann zurück. Wir verlassen das Gotteshaus und treten hinaus in so viel Frühlingsherrlichkeit. "Herr bleibe bei uns"!  Einen Abend in einem reichgesegneten Priesterleben haben wir heute gesehen. Als Christen aber leben wir in gewisser Hoffnung auf den großen Ostertag, der keinen Abend hat.