Des Priesters Abschied Von seinem Freund erzählt.
- Hochheilige, freudenreichste Zeit
des Kirchenjahres von Ostern bis zum Tag der Himmelfahrt unseres Herrn
und Heilandes – und dazu noch Frühlingszeit am deutschen Rhein! Wie freudevoll
wird der zweite Sonntag nach Ostern 1926 sein, den ich wieder einmal im
geliebten Bacharach verleben wollte. Seit Wochen hatte ich mich auf den
Tag gefreut, der uns in seinem großen Evangelium vom „Guten Hirten“, dem
Gotteslamm und dem Menschenhirten soviel zu sagen hat von des Heilandes
Hirtentreue und von seliger, einstiger Vollendung des Gottesreiches. –
Doch sollte diesmal der ersehnte Sonntag und Sonnentag am Rhein zugleich
ein Tag voll Wehmut und Abschiedsschmerz werden. Wieder hatte der wackere katholische Pfarrer des altehrwürdigen Rheinstädtchens
einen Schlaganfall erlitten, dessen Folgen ihm Darbringung des hl. Opfers,
Predigt und Seelsorge unmöglich machten. Da kam für ihn die schmerzliche
Notwendigkeit der Amtsniederlegung mit ihrer ganzen herben Bitterkeit.
–
Bei der feierlichen Einführung grüßt jeder katholische Pfarrer seine
neue Gemeinde mit dem Evangelium vom Guten Hirten. So hatte es auch der
nun scheidende Pfarrer vor 20 Jahren in der Clemenskirche zu
Bacharach getan. Heute, am Sonntag Misericordia mit seinem Evangelium vom
Guten Hirten, nahm der treue Priester im feierlichen Gottesdienst
Abschied von der ihm anvertrauten Gemeinde in einer ganz seltenen und herzbewegenden
Art.
- An eine der ergreifendsten Erzählungen des alten Testamentes wurde ich
in dem denkwürdigen Gottesdienste erinnert. Drei Jahrtausende ist es her,
da stiegen zwei treue Brüder, Moses und Aaron, nach Gottes Geheiß auf den
Berg Hor, denn Aaron sollte nach dem Willen des Herrn auf dem Gipfel dieses
Berges sterben. Es war doch ein überaus ernster Gang, den die beiden Brüder
taten. Was alles ging wohl durch die Herzen des nun sterbenden Aaron und
des gewaltigen Moses, der auch dem Grabe nicht mehr fern war. Wie viele
Großtaten und gnädige Durchhilfen Gottes hatten die beiden Brüder schauen
und erleben dürfen. – Moses half als treuer Bruder dem Aaron beim Scheiden
aus dieser Welt. Ein getreuer Bruder half heute, am Sonntag Misericordia,
dem schwergeprüften Pfarrer, den des Todes Fittiche schon umrauschen, bei
dem für einen rechten Priester unsagbar schweren Abschied von dem geliebten
Gotteshaus, von dem trauten Pfarrhaus mit Aussicht auf soviel Rheinherrlichkeit
und bei der äußeren Trennung von den ihm anvertrauten Pfarrkindern.
Doch vor allem war der Auferstandene, den der Unglaube so oft totgesagt
hat und der doch immer wieder sieghaft durch die Lande und Menschenherzen
geht, auch heute hier zugegen in machtvoller Wirklichkeit. Mag der Tod
sich auch den gebrochenen alten Mann als baldige, sichere Beute erkoren
haben: Jesu Tod ist unseres Todes Tod. Nicht der Tod hat das letzte Wort,
sondern das Wiedersehen. Jesus lebt, Jesus ist Sieger, Allelujah! Die im
Krieg einsam gewordene Glocke der St. Clemens-Kirche ist verklungen. Unter
den Klängen eines kurzen Orgelpräludiums treten die beiden Brüder,
die einst denselben Beruf erwählten, aus der Sakristei. Der ältere, ein
ehrwürdiger Priestergreis von fünfundsiebzig Jahren, tritt im österlichen
Messgewand an den Altar, um für den vierzehn Jahre jüngeren Bruder
das Opfer des Neuen Bundes feierlich zu begehen, während ein Mitglied des
Kirchenvorstandes den scheidenden Pfarrer zu einem bereitstehenden Ruhesessel
begleitet. Die hl. Handlung geht ihren Gang; selten mögen die Gläubigen mit so
viel innerer Anteilnahme dabei gewesen sein als heute. – Zur hl. Abschiedsmesse
gehört aber auch die Abschiedspredigt. Langsam besteigt der von der Fülle
der Jahre gebeugte ältere Bruder hernach die Kanzel, um für seinen Bruder,
der noch jetzt in besonderem Maße Entsagung und Ergebung lernen
muß und den der allmächtige Gott selbst in den Ruhestand versetzt hat,
Gottes Wort und Ratschluss zu verkündigen. Ich will nun den lieben Lesern
sagen, was ich aus der Abschiedspredigt, die der Bruder für den Bruder
hielt, behalten habe.
„Durch fünfzig Jahre durfte ich an heiliger Stätte das Wort Gottes verkünden,
und nie bis nach dem vergangenen Weißen Sonntag dieses Jahres ist es mir
so schwer gefallen. Aber heute wird es mir unsagbar schwer, die Predigt
zu halten. Wäre ich in Lage meines jüngsten Bruders, dann könnten wir arme
Menschen uns viel leichter darin finden. Aber wir müssen es immer wieder
lernen: Gottes Gedanken sind ganz anders und viel höher als unsere Gedanken.
Und statt immer bei so manchem Geschehen nach dem „Warum“ zu fragen, wäre
es besser, doch unentwegt der ewigen Gnade und Weisheit zu trauen, denn
Gott hat noch nie etwas versehen. „Den er will nachher herrlich zieren
und über Sonn´ und Sterne führen, den führet er zuvor hinab.“ Von
schmerzlichem Abschiednehmen wird uns schon in der hl. Schrift erzählt.
Denken wir an den Abschied des großen, alttestamentlichen Gottesmannes,
des Moses, vom Volke Israel. – Wie bitter schwer ward dem großen
Heidenapostel St. Paulus der Abschied von den Ältesten von Milet. Versetzen
wir uns aber im Geist auf den Gipfel des Oelberges am Morgen des Himmelfahrttages.
Genau sechs Wochen vorher hatte der Heiland am Fuße des Oelbergs
im dunklen Oelgarten voll Zittern und Zagen auf den Knien gelegen und sich
durch Todesangst und Grauen zur vollen Ergebung in Gottes Willen durchgerungen.
Nun aber stand er als Sieger über Tod und Hölle triumphierend im
Kreis seiner 11 Jünger auf der Höhe des Oelbergs und sprach sein Königswort
von aller Gewalt und Macht, die ihm im Himmel und auf Erden gegeben ist.
Gewiss war der Himmelfahrtstag für die armen Jünger ein schwerer Abschiedstag,
denn von nun an weilte der Auferstandene nicht mehr unter ihnen.
Und doch kehrten die Jünger mit großer Freude vom Oelberg nach Jerusalem
zurück. Die Erscheinung des zum Himmel und in die Herrlichkeit zurückkehrenden
Heilandes war zu groß, zu gewaltig, zu herrlich gewesen, denn - sie waren
niedergefallen und hatten ihn angebetet.
Und nun warteten sie in heiliger Vorfreude des verheißenen, heiligen
Gottesgeistes, der sie in alle Wahrheit leiten und für ihren hehren Apostelberuf
begeistern und stärken sollte. - Mag unser Herz auch heute in Abschiedsweh
erzittern, - nachher bei der heiligen Wandlung steigt derselbe Heiland,
der vor neunzehnhundert Jahren am Osterabend seine Jünger mit
dem Ostergruß "Friede sei mit euch" grüßte und ihre Herzen froh
machte, auch zu uns hernieder. Und er will bei uns bleiben. Mag in dieser
armen, vergänglichen Welt und in unserem irdischen Leben alles dem
Wechsel unterworfen sein, - der Osterabendbitte "Herr, bleibe bei
uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt" gibt
der Heiland auch heute ein gnädiges Erhören. Vor zwanzig Jahren hielt ich
meinen Einzug in diese mir so lieb und teuer gewordene Gemeinde. Mancher,
der nur auf äußere Dinge sieht, ist wohl der Meinung, Pfarrer in
einem trauten Städtchen am schönen Rhein zu sein, bedeute nur ein Wandern
in lauter Freude. Nicht leicht ward mir vor zwei Jahrzehnten der
Abschied von meiner früheren Stelle, denn auch dort verließ ich
eine Gemeinde, die fest und treu im Glauben stand. Auch hatte ich da ein
herrliches Gotteshaus mit errichten dürfen, und kein katholischer Priester
geht leichten Herzens von einer Kirche, die er unter eigenen großen Opfern
mit hat erbauen helfen. Meine Arbeit hier erinnerte in vielem an das Wirken
eines Pastors in der Diaspora. Viel an Eifer, Klugheit, Takt und Rücksicht
mußte ich immer wieder von Gott erbitten. Aber der Herr half immer wieder
aus und half gnädig weiter.
Auch an harten und beschwerlichen Wegen hat es nicht gefehlt.
Ein andersgläubiger Mann rief mich einst in stürmischer Nacht zu einem
Sterbenden. Gott segne den Mann, der mich holte, für seinen treuen Botendienst.
Aber auf dem engen und glatten Weinbergspfad stürzte ich hin und tat einen
schmerzhaften Fall. Doch war mir die heilige Priesterfreude beschieden,
den müden Erdenpilger noch eben rechtzeitig zu erreichen und ihm für die
Wanderung durch das dunkle Todestal die Tröstungen unserer heiligen Religion
zu spenden. Ich sage noch einmal: Gott segne den wackeren Mann, der mich
holte, dem Sterbenden in schwerster Stunde beizustehen.
- Es ist mir heute eine heilige Pflicht, euch von ganzem Herzen
zu danken für alle mir erzeigte Liebe und für alle mit mir besonders in
meinen Krankheitstagen geübte Geduld. Mit vollem Vertrauen kam ich zu euch,
und ich durfte mich auch eures Vertrauens in seltener Weise erfreuen.
Verzeiht mir, wo auch immer ich einem von euch zu nahe getreten bin
und wehe getan habe, wie auch ich von ganzem Herzen denen vergebe, die
mich verkannten und verletzten. Böse Absicht bestand wohl auf keiner Seite;
es waren wohl nur Missverständnisse, die hin und wieder eine Verstimmung
erzeugten. Meine lieben Pfarrkinder! Euer alter Pfarrer, der an der Pforte
der Ewigkeit steht, bittet auch heute: Haltet unverbrüchlich an unserem
heiligen Glauben! Böse und schwere Zeiten haben wir gemeinsam durchlebt.
Es war doch auch ein Zeichen dieser Zeit, als vor einigen Jahren ein
roher Mensch, ein Feind von Kirche und Vaterland - er gehörte zu keiner
christlichen Konfession - mich, den schon kranken und wehrlosen Pfarrer
auf offener Straße in unflätigen Worten beschimpfte und mich schlug. -
Schwere Zeiten werden für unsere hl. Kirche, unser Vaterland und
für jeden von euch noch kommen. Im Beistand und in der Gemeinschaft des
Auferstandenen aber werdet ihr getrost und stark durch dieses Leben gehen
und der Tod wird euch dann auch nicht mehr schrecken, sondern der Eingang
zu einem ewigen besseren Leben sein. Bald wird mein Nachfolger seinen Einzug halten und euch grüßen
mit dem Evangelium vom guten Hirten. Schenkt auch ihm euer Vertrauen, steht
fest zu eurem Seelenhirten und stärkt ihn mit eurem Gebet. Wie zwischen
den Jüngern von Emmaus, so sei auch hier der auferstandene Heiland der
Dritte im Bund zwischen Pfarrer und Gemeinde.
In wenigen Tagen muß ich mein trautes Pfarrhaus verlassen und
will meine mir noch von Gott beschiedene Lebenszeit in meiner Heimat, dem
Wallfahrtsort Arenberg verbringen. Ich bitte euch weiterhin um das Almosen
eures Gebetes, wie auch ich euer stets und gern im Gebet gedenken werde.
Unser Gebet füreinander ist doch das Beste, was wir einander tun können.
Auch von uns soll es heißen: "Im Herrn sind wir vereint und bleiben´s
allerwärts." Und dann wird einmal - vielleicht schon recht bald -
ein Tag kommen, da werdet ihr hören, daß euer alter Pfarrer gestorben ist.
Wenn dann in meiner alten Pfarrkirche für mich und meine ewige Ruhe das
hochheilige Opfer dargebracht wird, dann seid bitte alle zugegen, die ihr
es eben einrichten könnt und vereinigt euer Gebet mit dem meines Nachfolgers.
Habt nach meinem Heimgang auch noch oft ein andächtiges Vaterunser für
mich! Amen" ---
- Bei dem letzten Worte hatte die Ergriffenheit Prediger und Zuhörer
übermannt. Kaum ein Auge war tränenleer; auch Männer weinten. Und keiner
brauchte sich seiner Tränen zu schämen, hat doch ein viel Höherer als wir
alle vor Jerusalem und am Grab seines Freundes geweint. --
Wieder steht der ältere Bruder am Altar und die hl. Handlung nimmt
ihren Fortgang. Während draußen hart am Kirchlein der D-Zug vorbeirast
und wohl meist ruhe- und friedlose Menschen dahinträgt, geht hier an hl.
Stätte der Auferstandene bei der hl. Wandlung segnend durch das Gotteshaus
und grüßt die Seinen wie einst am Osterabend die verzagten Jünger.
- Der feierliche Abschiedsgottesdienst ist vorüber, der Segen erteilt,
die beiden Brüder sind in die Sakristei zurückgekehrt. Doch niemand verlässt
die Kirche. - Da tritt der scheidende Priester noch einmal unter seine
bisherigen Pfarrkinder und grüßt noch einmal so treu mit Auge und Hand,
besonders die Kinder, die vorne knien. Und dann geht der treue Mann zurück.
Wir verlassen das Gotteshaus und treten hinaus in so viel Frühlingsherrlichkeit.
"Herr bleibe bei uns"! Einen Abend in einem reichgesegneten
Priesterleben haben wir heute gesehen. Als Christen aber leben wir in gewisser
Hoffnung auf den großen Ostertag, der keinen Abend hat.
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