Der nachfolgende Artikel wurde mir freundlicherweise von Helmut Krämer Irlich, überlassen. Dem Archivar des Pfarrarchivs in Irlich, Toni Erlemann danke ich besonders für das mir überlassene Foto meines Grossonkels. Konrad Weber
Pastor Peter Weber
Der unvergessene Ehrenbürger von Irlich
Es wird wohl in dem heutigen Neuwieder Stadtteil Irlich kaum jemanden geben,
dem der Name Peter Weber oder auch “Pidde Weewer“ nicht geläufig ist. Ist doch
der Familienname Weber seit Generationen in Irlich sehr häufig anzutreffen.
Peter Weber aber, der legendäre lrlicher Pastor, war trotz seines typisch lrlicher
Namens kein geborener Irlicher. Er erblickte am 1. Januar 1854 in Arenberg bei
Koblenz das Licht der Welt. Der damalige Pfarrer von Arenberg, Johann Baptist
Kraus, schien geahnt zu haben, daß der sehr aufgeweckte Peter später einmal
Priester werden würde, wenn er scherzhaft versicherte: "Das wird einst mein
erster Kaplan werden!" Pfarrer Kraus veranlaßte Peters Vater, seinen Jungen
auf das Gymnasium nach Koblenz zu schicken, das dieser nach neun Jahren mit
einem glänzenden Zeugnis verließ, um Theologie zu studieren. 1871 passierte
der “Kanzelparagraph“ den Deutschen Reichstag. Jede staatsfeindliche Außerung
eines Geistlichen konnte dadurch geahndet werden. Der Stärkung des preußisch-konservativen
Charakters des Reiches sollte die Bekämpfung des politischen Katholizismus u.a.
durch das preußische Schulaufsichtsgesetz von 1872 dienen, das die Schulen gegen
den Widerstand der Kirche unter staatliche Leitung stellte. Mit den sogenannten
"Maigesetzen" Bismarcks 1873 und 1875 wurde der Kulturkampf auf den
Höhepunkt geführt. Nur kurze Zeit konnte der junge Theologiestudent Peter Weber
deshalb in Trier Vorlesungen hören, denn die “Maigesetze“ führten so überraschend
zur Schließung des Trierer Priesterseminars, daß die Studenten eines Tages vor
verschlossenen Türen standen. In den von der Polizei versiegelten Räumen befand
sich allerdings noch das Sanctissimum. Der junge Student Peter Weber brach bei
Nacht und Nebel mit einigen Kommilitonen eine Bresche in die Mauern, holte das
Allerheiligste heraus und brachte es in seine nahegelegene Privatwohnung. In Münster/Westfalen und Würzburg vollendete er dann seine Studien und wurde
am 5. August 1877 zum Priester geweiht.(1) Seine Primizmesse mußte er zu seinem
größten Bedauern in Arenberg still und hinter verschlossenen Kirchentüren feiern.
Der Kulturkampf machte es ihm zunächst auch nicht möglich, in seiner näheren
Heimat zu wirken. Er wurde Kooperator in Oberschwarzach und Obernburg am Main
und schließlich Kaplan in Wiesenfeld bei Lohr. Mittlerweile erging an ihn die
Anfrage, ob er nicht gewillt sei, an der Anima in Rom, dem dortigen Mittelpunkt
der deutschsprachigen Gemeinde, eine Professur anzunehmen. Die Anhänglichkeit
zu seiner rheinischen Heimat ließ ihn diesen ehrenvollen Antrag ablehnen. Als
sich die Kulturkampfverhältnisse etwas gebessert hatten, konnte er als Priester
in der Diözese Trier angestellt werden. Er kam als Kaplan und Religionslehrer
nach Neuwied und wurde am 25. Mai 1887 Pfarrer in Irlich. Hier war er der rechte Mann am rechten Platze. Es war die Zeit des Übergangs
von der Agrarwirtschaft zur Industriegesellschaft. Pastor Weber beschwor seine
Gemeindemitglieder immer wieder, der ererbten Erde treu zu bleiben und sich
nicht zu entwurzeln und heimatlos zu machen. Es war seine starke Bauernnatur,
die den Bauern nicht an die Industrie ausliefern ließ. Wenn links der Wied (Rasselstein)
die Dampfhämmer pochten und das glühende Eisen floß, so grub er rechts der Wied
eigenhändig seinen Weinberg um und band im Angesicht der Industrieanlagen
seine Reben.(2) Es gelang ihm bis 1913 den Weinbau in Irlich zu erhalten. Mit
gleicher Zähigkeit und Festigkeit hielt er auch den Besitz der Kirche in Irlich
zusammen. Durch geschickte Verhandlungen brachte er z.B. das Gelände des alten
Friedhofs, das in die Hände der Zivilgemeinde gekommen war, an die Kirchengemeinde
zurück. 1902 trat er in der Frage des Waldverkaufs und der Erhaltung des Grund
und Bodens mannhaft für die Belange der politischen Gemeinde Irlich ein und
erhielt ihr den Gemeindewald und das Agrarland in und um Irlich herum als Eigentum.
Vielen wurde das erst in den Nachkriegsjahren der beiden Weltkriege bewußt,
als die Felder zur Linderung der Nahrungsknappheit beitrugen und als den Irlichern
klar wurde, daß der Pastor ihnen eine wichtige Rohstoff- und Vermögensquelle,
den Bims, erhalten hatte. Immer wieder kam auch der scharfdenkende Mathematiker
bei Peter Weber zum Vorschein. Eines der Resultate konnte sich sehen lassen.
Obwohl sich die Zahl der Gemeindemitglieder in der langen Zeit seines Wirkens
verdoppelt hatte, brauchten die Irlicher mehr als dreißig Jahre lang keine Kirchensteuer
zu entrichten. Erst in der Reichsverfassung von 1919 wurde den Religionsgemeinschaften
der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zugesprochen, die Kirchensteuer
zunächst mit der Grund- oder Gewerbesteuer und später als Zuschlag zur Einkomrnen-
bzw. Lohnsteuer erhoben. So mancher der in bescheidenen Verhältnissen lebenden
lrlicher hat auch von seinen umfassenden Gesetzeskenntnissen als Jurist und
seinem scharfen, logischen Denken profitiert, wenn Pastor Weber ihn bei Gericht
überzeugend vertrat. Pastor Weber wird nachgesagt, daß er streng gegen sich
selbst, aber um so liebesfähiger gegenüber seinen Nächsten gewesen sei. Und
dennoch soll er mit einigen seiner Schäflein zeitlebens in Fehde gelegen haben.
Grund dafür mag seine respektverlangende, distanzierte, trockene Art gewesen
sein. Er verkörperte den Typ eines Einzelgängers und Patriarchen, hing mit Beharrlichkeit
an den Traditionen, war bekannt für seine kurzen Dialoge und hier und da barschen
Antworten und machte aus seiner Meinung keinen Hehl. Mit seinem evangelischen
Kollegen, dem Pfarrer von Feldkirchen, verband ihn eine jahrelange Bekanntschaft.
Die beiden unternahmen oft stundenlange Spaziergänge. Dennoch berichtet die
Chronik der Pfarrgemeinde lrlich, daß Peter Weber eine Eigenart seiner Vorgänger
übernahm, nie einen Toten über eine gewisse Grenze "hinter dem Fall",
heute die Wollendorfer Straße hinaus abzuholen. (Damals wurden die Toten noch
vom Sterbehaus abgeholt und zum Friedhof geleitet.) Peter Weber wähnte also
hinter dieser Grenze Feldkirchener (protestantische) Gerechtsamkeit in religiösen
Dingen. (3) Eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften war seine Hilfsbereitschaft,
sei es bei einem Brand im Hause des Jakob Driesch in der Rheinstraße, bei dem
er als einer der ersten an der Brandstelle war, zentnerschwere Kornsäcke vor
seiner Brust aus dem brennenden Haus trug und so vor den Flammen rettete oder
in Notfällen, in denen sich die Hilfesuchenden immer an ihren Pastor wenden
konnten. In solchen Situationen sah seine linke Hand nicht, was die rechte gab.
War dem Seelsorger der Gemeinde Irlich in erster Linie die religiöse Betreuung
der Gemeindemitglieder zur Pflicht gemacht, so war ihm nichts zu viel, wenn
es galt, die Kirche außen und innen würdig zu gestalten. Weithin sichtbar grüßt
die im klassizistischen Stil erbaute Kirche zu Irlich die zu Berg und Tal fahrenden
Rheinschiffe. Die Gestaltung des Kircheninnern, die Ausstattung mit einem auf
Goldgrund gemalten Kreuzweg, die Installation einer Kirchenheizung, den Anbau
einer Sakristei und ganz besonders die Errichtung des herrlichen, 1914 vollendeten
Glockenturmes neben der Kirche, von Kennern wegen seiner architektonischen Feinheiten
und wegen der Harmonie, mit der er sich dem Kirchenschiff angliedert, gepriesen.
Das alles ist das Werk von Pastor Peter Weber, der sich damit in der Geschichte
Irlichs ein
immerwährendes Denkmal gesetzt hat, indem er ein Wahrzeichen Irlichs
schuf.
Am 8. Augusf 1927 konnte Peter Weber unter großer Anteilnahme der Bevölkerung
sein Goldenes Priesterjubiläum und sein 40jähriges Jubiläum als Pastor von Irlich
feiern. Ein solches Doppeljubiläum dürfte äußerst selten sein. Pastor Weber
wurde zum Ehrenbürger lrlichs (Foto) ernannt. Damit würdigte man auch seine
jahrzehntelange Arbeit auf kulturellem und schulischem Gebiet, denn Pastor Weber
unterrichtete in der Irlicher Schule nicht nur Religion, sondern z.B. auch Mathematik.
Er begleitete ebenso das Amt eines Schulinspektors und war ein belesener Theologe
und ein guter Sänger mit feinem Gehör, der den Chorgesang in Irlich förderte
und prägte.
Am 28. Oktober 1930 nahm Pastor Peter Weber nach 43 Jahren als Seelsorger
von der Gemeinde Irlich Abschied. Die Bevölkerung dankte ihm mit einer bewegenden
Feier.(4) Bis heute ist sein Wirken in Irlich unvergessen. Pastor Weber verbrachte
seinen Lebensabend in Vallendar. Am 16. Februar 1936 verstarb er dort im Alter
von 82 Jahren. Er wurde auf dem kleinen Friedhof an der Wallfahrtskirche in
Arenberg neben seinem geistlichen Bruder und Förderer Pfarrer Johann Baptist
Kraus beigesetzt. Seine Popularität erweist sich auch heute, mehr als 60 Jahre
nach seinem Tode als beispiellos in der Ortsgeschichte Irlichs.
Anmerkungen:
(1) EuI, Martin: Aus der Geschichte der Pfarrei lrlich, Irlich 1935, S. 24.
(2)
EuI, Martin: Chronik der Pfarrgemeinde lrlich, lrlich 1935, S.110.
(3) ebenda,
S. 104.
(4) Eul, Martin: Aus der Geschichte der Pfarrei lrlich, a.a.
0,S. 24.
(5) Bildnachweise: Archiv Toni Erlemann, Irlich.